Samstag, 10. September 2011

Kasarova in Moskau

Vesselina Kasarovas Besuch in Moskau

Als deutscher Vesselina-Kasarova-Fan wird man regelrecht verwöhnt. Zwischen Berlin und München, Hannover und Wien, Zürich und Dresden hat man viele Möglichkeiten, einen Hauch des zeitlosen Gesangs dieser Künstlerin zu verspüren. Die russischen Fans haben es da viel schwerer. Jetzt stattete die Mezzosopranistin dem Land Tschaikowskys und Mussorgskis einen lange ersehnten Besuch ab – samt Konzert. Im Vorfeld durfte ein Fan sie aber mit der Kamera bei den Proben und bei Stadtrundgängen begleiten. Und wir sehen sie als normale Frau in Jeans. So normal dann doch nicht. Dieser Intellekt und – nicht zu vergessen – diese Stimme sind keine Allerweltseigenschaften.

Probe: Arie der Jeanne D'Arc (Tschaikowsky: "Orleanskaja dewa")

Was wir auch erleben, ist eine fast perfekt Russisch sprechende Künstlerin, deren Verbitterung man über die Zustände in der heutigen (Klassik-)Welt anmerken kann, aber nie die Unlust an der Kunst. Ihr Respekt vor der Musik ist immer wieder beeindruckend. Diesen fordert sie auch in Moskau immer wieder ein, genauso wie sie sich zum Slawentum bekennt. Ein interessanter Umstand, da sie es nach eigener früherer Aussage am Anfang ihrer Karriere ganz bewusst gemieden hat, slawisches Repertoire zu singen, um der "rassistischen" Kategorisierung nach Ethnie zu entkommen.

Dokumentation

Sie hatte es auch gar nicht nötig. Mit diesem Kunstverständnis und diesem Gesang, denen wir auch in diesen Aufnahmen begegnen, müssen Weltkarrieren gemacht werden. Überhaupt ist hier die Künstlerin in einer so guten stimmlichen Verfassung wie lange (nach Krankheit) nicht mehr zu hören.


Probe: "Eccomi al fine in Babilonia" (Rossini: "Semiramide")

Bei allem Talent und Erfolg ist es immer wieder erstaunlich, wie bescheiden und schüchtern Vesselina Kasarova geblieben ist. Immer noch diese leise, aber bestimmte Stimme, die Russisch und Deutsch spricht, als ob Heine und Puschkin aus ihr sprächen. Wer diese Sprachen hasst, wird sie aus ihrem Mund lieben. Nur einmal wird sie trotzig, als sie über ihre Dalila in Berlin spricht. Dort wurde sie (nach nicht vollständig auskurierter Lungenentzündung) beim Schlussapplaus ausgebuht. Das Berliner Publikum buhe doch alle aus, beruhigt sie sich und den Fan. Aber beruhigend ist es eigentlich nicht, ist es doch genau diese Mentalität, die die Sängerin immer wieder anprangert. Es bleibt meist ein einsamer Ruf ohne Nachhall.

Probe: "Mon cœur s'ouvre à ta voix" (Saint-Saëns: "Samson et Dalila")

Dank Internet und weltweiter Vernetzung der Fangemeinschaften ist es möglich, dass wir solche unschätzbaren Dokumente genießen dürfen. So schlecht ist es also heute doch nicht um die ernste Kunst bestellt.

Vor und nach dem Konzert am 9. September 2011 im Tschaikowsky-Konzerthaus

Das Moskauer Konzert in einer Fan-Aufnahme