Zum Abschluss der aktuellen Konzert- und Opernsaison noch ein Rückblick auf drei Liederabende und ein Rezital. Den Anfang machte Juan Diego Flórez mit einem großen Arienabend im Gasteig am 5. Juli. Ohne Frage einer der bekanntesten, beliebtesten und auch nach diesem Abend besten Tenöre der Welt. Er trifft die Töne, nimmt den Zuhörer mit einem schönen Klang ein, er geht aber nie darüber hinaus. Alles ist technisch untadelig, aber nie tief. Wenn er Tonios große Arie aus "La Fille du régiment" (Gaetano Donizetti) – wenn auch als Zugabe – ohne Rezitativ singt, raubt er damit der Musik den wahren Kern. Musik verkommt bei ihm ausschließlich zum Opium fürs Volk. Sein Ausstrahlung – in jeglicher Hinsicht – bleibt ausschließlich Eros. Nicht genug, um im Gedächtnis zu bleiben, aber auch nicht genug, um dem Konzert das hohe künstlerische Niveau abzusprechen. Die Begleitung erfolgte durch das Württembergische Kammerorchester.
Am 26. Juli folgte im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 2011 im Nationaltehater ein Liederabend eines weiteren in den Medien und vom Publikum umjubelten Tenors. Auch hier war der Fall ähnlich gelagert wie beim peruanischen Starsänger – mit einer Ausnahme: Flórez ist in seinem Fach perfekt aufgehoben, Konkurrenz ist rar gesät. Dem Münchner Tenor hingegen fehlt ein überzeugender Zugang zum Lied und etwas, das ihn von anderen, besseren Liedsängern positiv abhebt. Es ist – vielleicht noch – nicht sein Bereich. Er fasst die mitunter sehr filigranen Werke mit den stacheligen Handschuhen eines Heldentenors an. Zu dramatisch, grobkörnig wird bei ihm dadurch das ein oder andere Kleinod von Strauss, Liszt oder Mahler. Überraschenderweise gelingen ihm die Mélodies von Duparc weitaus idiomatischer. Hier nimmt er auch mich ein, am Rest des Abends beklatschte ich eine guten Sänger, aber keinen guten Liedinterpreten.

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Am Tag darauf konnte eine der führenden Koloratursopranistinnen unserer Zeit im Herkulessaal den zwei Tenören zeigen, wie scheinbar mühelos eine ausgefeilte Technik und ausgereifte Textdeutung kombiniert werden können. Ihr Programm überschnitt sich bei einigen Liszt-Liedern mit dem von Kaufmann und überzeugte nicht nur im Vergleich. Beeindrucken konnte sie aber vor allem mit ihrer Interpretation von Rachmaninow-Liedern. Ein gelungener Liederabend. Diese Sängerin hat immer noch nicht ihr volles Potential ausgeschöpft.
Als Vierter im Bunde gesellte sich am 28. Juli im Prinzregententheater ein vielversprechender junger Tenor hinzu. Pavol Breslik, der mittlerweile an vielen großen Bühnen Europas brillieren darf, konnte zeigen, dass in ihm ein guter Liedsänger gedeiht. Noch fehlte seiner "Dichterliebe" (Robert Schumann) die Finesse, die prägnant männliche Sentimentalität, aber er singt mit vollem Herzen und aus voller Überzeugung, mit einem virilen Stimmklang, dem beide Geschlechter kaum widerstehen können. Es ist Größeres zu erwarten.
