Sonntag, 3. Juli 2011

Vier Minuten

Vesselina Kasarova mit der Kammerphilharmonie Amadé unter Frieder Obstfeld im Erholungshaus Leverkusen am 11. Juni 2011

Manchmal nehmen die Kritiker sich und die Kunst zu ernst, vor allem aber sich. Gute Kunst ist nicht, wenn sie dem Schreiberling gefällt, der das Konzert meist voreilig und desinteressiert verlässt und im dunklen Kämmerlein oder mit dem Laptop auf den Knien verreißt, sondern wenn sie das tut, was sie tun muss: die Menschen bewegen, die Menschen unterhalten, die Menschen für sich einnehmen. Eine, die ganz besonders Kritikerzunft und Fanscharen spaltet, ist Vesselina Kasarova.

Am 11. Juni konnte sie in der Bayer-Stadt (und im Rahmen des Kulturangebots des Pharma-Giganten) die anwesenen Musikliebhaber für sich begeistern. Durch ihren Stimmklang, durch ihre kluge, aber nicht verkopfte Interpretation und durch das, was sie von vielen anderen Kollegen unterscheidet, ihre ehrliche Menschlichkeit. Mein schönstes und eindringlichstes Kasarova-Erlebnis bisher.

Es bedarf gar nicht vieler Worte. Von Mozart über Händel bis Gluck ließ sie das Publikum musikalisch reisen. Nach einem fast vier Minuten andauernden Applaus, über den man im kultivierten Fußballstadion nicht überrascht wäre (inklusive rhythmischem Klatschen, höre oben), wollte das Publikum am Ende Georg Friedrich Händels "Scherza infida" noch einmal hören. Dies kam der Sängerin entgegen, ist es doch auch ihre Lieblingsarie. Weil sie so menschlich ist. Diese Menschlichkeit fehle heute. So die Mezzosopranistin. Ihr fehlt sie nicht.