Sonntag, 27. März 2011

Einstein hätte sie geliebt

Isabel Bayrakdarian und Serouj Kradjian in der Wigmore Hall in London am 20. März 2011

Was ist nötig, damit ein Konzert gelingt? Gute Musik, gute Künstler und ein gutes Publikum. Isabel Bayrakdarian konnte bei ihrem Debüt in der Wigmore Hall in allen drei Punkten gewinnen. Ganz locker zusammengefasst werden kann das Programm des Nachmittags unter dem Motto "Liebes- und Schmerzenslieder". Unter der Begleitung ihres Ehemanns Serouj Kradjian spannte sie einen musikalischen Bogen vom armenischen Nationalkomponisten Gomidas (Komitas) über die Shakespeares Ophelia gedenkenden Jake Heggie und Hector Berlioz bis hin zum französisch-spanischen Gespann Pauline Viardot-Garcia und Fernando Obradors.

Den Höhepunkt des Abends gab es gleich zu Beginn. In den vier Lieder von Gomidas befand sich die hübsche Armenierin in ihrem Element. Mit wehendem Leidton durchströmte sie die ehrwürdige Halle und die Seelen der Zuhörer. Über Liebe, Heimat, Mutterliebe sang sie. Die stets melancholischen Lieder sind aber nie deprimierend. Glück im Leid ist da eher die Devise. Keine kann dies heutzutage so gut wie Isabel Bayrakdarian.

Die studierte Naturwissenschaftlerin, die als ihr nicht-musikalisches Vorbild Albert Einstein nennt (siehe Video-Interview anlässlich des Liederabends oben), beeindruckt trotz dieses Hintergrunds vor allem mit Seele, nicht mit kühler Berechnung. Fast könnte man soweit gehen und ihren Stimmklang mit dem Seelenzauber einer Lucia Popp zu vergleichen. Dass aber Bayrakdarian anders als Popp damals immer noch eher ein Geheimtipp ist, ist eine seltsame Blüte der aktuellen Musikindustrie.

Interessant auch die wenig bekannten Ophelia-Lieder ("Songs and Sonnets to Ophelia") des zeitgenössischen US-amerikanischen Komponisten Jake Heggie. Die Sängerin gestaltete sie ordentlich, konnte aber aus den handwerklich soliden, aber nicht eindrucksvollen Stücken nicht mehr herausholen, als es das Material hergab. Eine weitere, schon eher bekannte Ophelia-Vertonung ("La mort d'Ophélie") von Hector Berlioz folgte. Im französischen Repertoire fühlt sich die Sopranistin recht wohl, was sie auch eindrücklich mit den Liedern von Pauline Viardo-Garcia demonstrierte. Leicht verspielt, träumerisch, aber nie kitschig. Kleine Liedkunst ganz groß.

Den Schlussteil bildete ein Zyklus von Fernando Obradors, den die Sängerin sogar ankündigte (um auf den musikalischen Witz in "La mi sola, Laureola" aufmerksam zu machen). Auch hier konnte sie überzeugen, wenn auch die Komposition eher Mittelmaß ist. Eine Zugabe mit "Malagueña" von Ernesto Lecuona bildete einen überzeugenden, wenn auch recht kurzen Abschluss des Abends.

Es bleibt dabei, dass trotz der Vielseitigkeit der Sängerin, sie bei Gomidas am meisten überzeugen konnte. Und es steht auch fest, dass für die Sängerin noch Großes bevorsteht. Wigmore Hall war nur eine Zwischenstation. Eine berührende.

Samstag, 5. März 2011

Durchwachsenes Allerlei

Kate Royal, am Klavier begleitet von Christopher Glynn, im Prinzregententheater in München am 02. März 2011

Damit Lieder nicht beliebig aneinandergereiht wirken, bedarf es eines sie verbindenden Themas. So hat sich die englische Sopranistin Kate Royal der männlich-weiblichen Beziehung unter dem Titel "A Lesson in Love", vom Kennenlernen bis zum Seitensprung, angenommen. Lieder verschiedener Sprachen, Epochen und Komponisten, mitunter mancher seltener Pretiose, verband sie zu einem eigenen Zyklus. Was zum Strauß duftender Rosen hätte werden können, entpuppte sich als durchwachsenes Pflanzenallerlei.

Ob es die Münchner Musikfreunde schon geahnt haben oder der Liederabend generell keine Massen mehr anzieht (Christine Schäfer hat einige Tage davor das Gegenteil bewiesen), im halbleeren Saal des Prinzregententheaters konnte Kate Royal großen, wenn auch verspäteten Applaus ernten, aber leider nicht überzeugen. Der Sängerin ist eigentlich eine sehr schöne Sopranstimme eigen, was viele Aufnahmen bezeugen, aber in München blieb diese Stimme eintönig. Jedes Lieb übergoss sie mit einer nichtwollenden Beliebigkeit. Ein Publikumsliebling wie interpretatorischer Prüfstein à la "Gretchen am Spinnrade" wollte ihr nicht mit eigenem Akzent gelingen. Auch ihre Textdeutlichkeit und Aussprache ließen an mancher Stelle zu wünschen übrig. Dass ihr auch kleine Textverschiebungen unterliefen, ist da schon gar nicht mehr besonders zu erwähnen. Ganz unschön waren auch ihre Konsonantenabschlüsse, hart – selbst das Deutsche macht dies nicht nötig – und die Vermittlung von Gefühlen verhindernd. Ihr undifferenziert spielender Klavierbegleiter half ihr dabei leider auch nicht.

Leeres Klavier und leerer Gesang – Kate Royal konnte nicht überzeugen

Dabei ist dennoch unbedingt zu erwähnen, dass die Sängerin mitunter durchaus ihr zugegebenermaßen großes Talent aufflackern lassen konnte. Hier sind vor allem die englischssprachigen, allen voran das irische "Danny Boy" zu nennen, mit dem sie in der Zugabe doch noch Hoffnung machte, dass es bloß nicht ihr Abend war und sie als Liedsängerin nicht ganz abgeschrieben werden kann. Aber im Prinzregententheater kam sie an ihre Grenzen und bewies, dass eine gute Opernsängerin noch keine gute Liedsängerin macht. So schwer ist des Liedsängers Brot.