Was ist nötig, damit ein Konzert gelingt? Gute Musik, gute Künstler und ein gutes Publikum. Isabel Bayrakdarian konnte bei ihrem Debüt in der Wigmore Hall in allen drei Punkten gewinnen. Ganz locker zusammengefasst werden kann das Programm des Nachmittags unter dem Motto "Liebes- und Schmerzenslieder". Unter der Begleitung ihres Ehemanns Serouj Kradjian spannte sie einen musikalischen Bogen vom armenischen Nationalkomponisten Gomidas (Komitas) über die Shakespeares Ophelia gedenkenden Jake Heggie und Hector Berlioz bis hin zum französisch-spanischen Gespann Pauline Viardot-Garcia und Fernando Obradors.
Den Höhepunkt des Abends gab es gleich zu Beginn. In den vier Lieder von Gomidas befand sich die hübsche Armenierin in ihrem Element. Mit wehendem Leidton durchströmte sie die ehrwürdige Halle und die Seelen der Zuhörer. Über Liebe, Heimat, Mutterliebe sang sie. Die stets melancholischen Lieder sind aber nie deprimierend. Glück im Leid ist da eher die Devise. Keine kann dies heutzutage so gut wie Isabel Bayrakdarian.
Die studierte Naturwissenschaftlerin, die als ihr nicht-musikalisches Vorbild Albert Einstein nennt (siehe Video-Interview anlässlich des Liederabends oben), beeindruckt trotz dieses Hintergrunds vor allem mit Seele, nicht mit kühler Berechnung. Fast könnte man soweit gehen und ihren Stimmklang mit dem Seelenzauber einer Lucia Popp zu vergleichen. Dass aber Bayrakdarian anders als Popp damals immer noch eher ein Geheimtipp ist, ist eine seltsame Blüte der aktuellen Musikindustrie.
Interessant auch die wenig bekannten Ophelia-Lieder ("Songs and Sonnets to Ophelia") des zeitgenössischen US-amerikanischen Komponisten Jake Heggie. Die Sängerin gestaltete sie ordentlich, konnte aber aus den handwerklich soliden, aber nicht eindrucksvollen Stücken nicht mehr herausholen, als es das Material hergab. Eine weitere, schon eher bekannte Ophelia-Vertonung ("La mort d'Ophélie") von Hector Berlioz folgte. Im französischen Repertoire fühlt sich die Sopranistin recht wohl, was sie auch eindrücklich mit den Liedern von Pauline Viardo-Garcia demonstrierte. Leicht verspielt, träumerisch, aber nie kitschig. Kleine Liedkunst ganz groß.
Den Schlussteil bildete ein Zyklus von Fernando Obradors, den die Sängerin sogar ankündigte (um auf den musikalischen Witz in "La mi sola, Laureola" aufmerksam zu machen). Auch hier konnte sie überzeugen, wenn auch die Komposition eher Mittelmaß ist. Eine Zugabe mit "Malagueña" von Ernesto Lecuona bildete einen überzeugenden, wenn auch recht kurzen Abschluss des Abends.
Es bleibt dabei, dass trotz der Vielseitigkeit der Sängerin, sie bei Gomidas am meisten überzeugen konnte. Und es steht auch fest, dass für die Sängerin noch Großes bevorsteht. Wigmore Hall war nur eine Zwischenstation. Eine berührende.


