Sonntag, 19. September 2010

Der menschgewordene Stimmtraum

Jessye Norman zum 65. Geburtstag am 15. September 2010

Kann man einen Artikel zu Jessye Norman schreiben, ohne auf die Einmaligkeit ihrer Stimme einzugehen? Kann man sie fernab ihrer Stimmpracht verstehen. Es scheint, unmöglich zu sein. Die Stimme steht beim Zugang zur Künstlerin im Wege wie ein Riesenberg, den es zu erklimmen gilt. Sie, die Bergkletterin, ist es jedenfalls gewohnt, diesen Berg zur Seite zu schieben und uns, das Publikum, auf unerklärliche Weise zu berühren, immer wieder staunen zu machen und uns zu frage, ob denn dies nur ein Traum ist. Diese gewaltige Karriere und die umso gewaltigere Stimme.

Sicher, so ein Berg ist keine filigrane Häkelware. Ihren Interpretationen fehlt manchmal der Feinsinn, nie aber der Gestaltungswille und das Vermögen, Szenen und Charaktere zu färben. Aber wer möchte schon über Interpretation und Ausdruck reden, wenn man diese Stimme hört? Und wenn sie nicht mehr das Kaliber von einst hat, sie mag immer noch alleine mir ihrer Stimme und Erscheinung faszinieren.

Nun wurde dieser menschgewordene Stimmtraum 65 Jahre alt. Es sind nicht so viele Jahre in dieser großartigen Karriere vergangen, wie großartige Sachen passiert sind. Diese Sängerin hat uns mehrfach Referenzeinspielungen geliefert. Ihre Vier Letzten Lieder von Richard Strauss sind das oft zitierte Beispiel, zu Recht. Vielleicht klangtechnisch veraltet, aber so nie wieder gehört, ihre Darbietungen von Heroinen der vergessenen Haydn-Opern. Ganz besonders begeistert ihre Lesung des Schubert'schen Liedes nach Goethe'schen Worten, "Erlkönig". Hier schlüpft sie in alle Gestalten der Ballade und malt sie mit ihrem mannigfaltigen Stimmklang aus. Ungehört.

Man könnte ihrer zahlreichen Errungenschaften als Sängerin hier beliebig weiterführen – ihre bezaubernden Interpretationen von Spirituals und Jazzstandards oder ihre ungewöhnliche, aber fesselnde Carmen oder oder ihre Fidelio-Lenore, die ich für die beste weit und breit halte –, aber vergessen darf man sie nicht als Humanistin, was leider oft hinter dem Vorwurf des vermeintlichen Divagehabes zurücktreten muss. Aber es bleibt nur eins: Ihr im Namen aller Fans zu gratulieren und uns allen zu wünschen, dass sie noch lange diesen Berg bewältigen kann. Denn sie kann es auch noch mit 65.

Donnerstag, 2. September 2010

Lieder mit sympathischen Mängeln

Liederabend von Annette Dasch, begleitet am Klavier von Wolfram Rieger, im Mendelssohn-Saal im Leipzig Gewandhaus am 01. September 2010

Gestartet als Salzburger Mozart-Sensation und neue deutsche Sopranhoffnung ist Annette Dasch nun doch in der Wirklichkeit des deutschen Konzert- und Opernlebens angekommen. Jetzt widmet sie sich dem romantischen Liedschaffen und das überraschend gekonnt.

Annette Dasch: Eine Liedsängerin auf gutem Wege (Photo: Sony Music)

Im Rahmen der Leipziger Mendelssohn-Festtage bot die Sängerin ein nur Felix Mendelssohn und Robert Schumann gewidmetes Programm. Ist sie in der Opernszene recht umstritten, hat sie für diesen Status auch als Liedsängerin Potential. Eine sehr angenehme, frauliche, aber nicht zu liebliche Stimme gepaart mit einigen Ungeschliffenheiten. In der ersten Hälfte des Konzerts war die Mühe der Sängerin beim Tonansatz nur allzu deutlich. Die Begrenztheit ihres Stimmumfangs wurde nur allzu deutlich, wenn sie Material zu singen hatte, das eine gesunde Tiefe verlangte. Dies und die Tonbildung wurden im zweiten (diesmal rein Schumann gewidmeten) Teil des Abends besser, für einige tiefere Töne schlüpfte sie gar in ihre natürliche Stimme. Ihr Klavierbegleiter Wolfram Rieger erfüllte seine Aufgabe vorbildlich, wenn auch nicht immer intonationssicher.

Etwas spektakulär wurde es, als ihr bei einem Lied die Stimme fast versagte: Ein trockener Hals verschaffte sich Gehör und störte den sauberen Liedfluss. Sollte nicht passieren und ist mir in einem klassischen Konzert auch noch nie zu Ohren gekommen, aber es war ein eher belebendes Element und das Publikum nahm es der Sängerin zu keinem Augenblick übel.

Was ihr zu Gute gehalten werden muss ist ihr Gestaltungswille. Vielen Liedern auf dem Programm drückte sie einen eigenen Stempel auf, gestaltete sie schauspielerisch, wenn auch meist doch die Stimme alleiniger Darsteller blieb, fast wie kleine Opern. Besonders wohl fühlte sie sich hierbei bei Werken wie Mendelssohns "Hexenlied". Das freche Element dieses Kleinods war auch das ihre.

Bis zu den drei Zugaben waren vor allem Nischenproduktionen des deutschen Liedwerks zu hören. Dann präsentierte sie jedoch eine sehr gelungene Version des berühmten "Nussbaums". Im Anschluss sang sie nach Worten des – so die Künstlerin – ansonsten keine Rolle spielenden Dichters Christian L'Égru das herzerwärmende Lied "Aufträge". Hier wärmte auch sie sich endlich richtig auf – und dankte dem Publikum für einen schönen, hustanfallfreien Abend –, bevor sie dann mit Schillers "Wilhelm Tell" in der musikalischen Adaption durch Robert Schumann den Sommer und das Publikum verabschiedete. Mit einem guten Gefühl auf beiden Seiten. Hier stand eine Liedsängerin, die noch nicht am Ziel ist, aber auch der Weg dahin macht schon Spaß.

Programm:
Robert Schumann
1. Sechs Gesänge, op. 89
2. Fünf Lieder und Gesänge op. 9
Felix Mendelssohn
3. Frühlingsglaube op. 9 Nr. 8
4. Suleika op. 34 Nr. 4
5. Suleika op. 57 Nr. 3
6. Wenn sich zwei Herzen scheiden op. 99 Nr. 5
7. Das Waldschloss
8. Andres Maienlied ("Hexenlied") op. 8 Nr. 8
9. Nachtlied op. 71 Nr. 6
Robert Schumann
10. Liederkreis op. 39
Zugabe 1. Der Nussbaum
Zugabe 2. Aufträge
Zugabe 3. Des Sennen Abschied