Nina Hagen in Halle auf dem Hallmarkt bei den Händels Open am 30. Mai 2010

In den letzten Jahren hat sich Nina Hagen eher als Gast in Fernsehdiskussionsrunden und als Berufsquerulantin profiliert denn als Musikerin. Ein paar Konzerte hier, ein paar Studioaufnahmen dort, aber für die meisten ist sie die Verrückte, die an Außerirdische und den Weltfrieden glaubt. Dabei hat sie als Musikerin immer noch und eigentlich viel mehr zu bieten als in ihrer quasi-politischen Rolle. Das bewies sie am Sonntag bei schlechtem Wetter in Halle an der Saale.
Man mag der Künstlerin so einiges zuschreiben, aber dass sie schuld am Dauerregen und der Kälte war, nur schwerlich. Aber halb so schlimm. Die gebürtige Berliner hatte genug Hitze im Blut und in der Kehle, um den Zuschauern ordentlich einzuheizen.
Im Mittelpunkt des knapp zweistündigen Konzerts stand die noch nicht erschienene neue Platte titels "Personal Jesus"
(VÖ: 16. Juli 2010). Diese ist eine Ansammlung von religiösen Liedern, vor allem im Bluesstil. Das neue Material wirkt live noch etwas schwach, aber Hagen ist mit vollem Herzen dabei.
Bei den älteren Liedern kann sie die vokale Virtuosität nicht mehr nachvollziehen. Ihre Kopfstimme existiert nicht mehr. Dafür ist aber ihre Bruststimme tiefer geworden, wenn auch etwas flacher. Insgesamt kann sie auch heute noch besser singen als alle Poppüppchen dieser Welt und ihr einmaliger Gesangs-, Phrasierungs- und Interpretationsstil ist derselbe (verrückte) wie eh und je.

Die Konzertbesucher, die da waren trotz schlechten Wetters waren entschlossen, das Konzert zu genießen. Die stimmliche Degradation war offensichtlich kein Thema und das ist auch nicht blauäugig. Denn als Musikerin kann sie immer noch viel bieten.
Aber auch bei diesem Konzert kann sie nicht lassen von ihren politischen Ambitionen. Sie spricht sich aus gegen Atomkraft, sie beglückwunscht die Menschen in Halle und Leipzig für die friedliche Revolution 1989 und spricht von Angela Merkel als ihrem verlorengegangenen Zwilling. Sie ist, auch wenn ihr manche anderes unterstellen, ein hellwacher Geist. Vielleicht denkt sie nicht in den eingefahrenen Mustern und Rahmen, aber gerade deswegen ist es wichtig, dass sie spricht. Wenn sie auch noch ein Stück besser singt.
Im Programm enthalten war die ganze musikalische Bandbreite der Sängerin, von Punk über Blues bis zu Schlager. Drei Zugaben gewährte sie dem Publikum und damit eine mehr, als es ihr Bandleader gern gehabt hätte. Sie erwies sich immer wieder und hier besonders als Volksdiva (sehr oft fiel von ihr der Wendesatz "Wir sind das Volk!"). Dabei war auch der Kitsch- und Ostalgiekracher "Du hast den Farbfilm vergessen". Überraschenderweise sang sie auch diese Nummer, die ihr und auch uns eigentlich zum Halse heraushängen müsste, voller Verve.
Der Höhepunkt war sicherlich eine mehr als gelungene und eindringliche Version des Evergreens "My Way". Die sehr personalisierte Version bekam in der Hallenser Fassung noch einmal einen besonderen Klang. Spätestens hier war der Regen nebensächlich, wenn er sich auch nicht der deutschen Diva unterordnen wollte.
Die Band hat eine passable Arbeit geleistet, wenn auch nicht unbedingt auf dem künstlerischen Niveau von Nina Hagen. Wenn diese selbst zur Gitarre griff, klang es nicht schlecht, aber ihre Stärke ist es nicht.
So wie Nina Hagen bei dem Wort "highway" darauf kam, dass man im deutschen Fernsehen "Autobahn" nicht sagen darf, weil man sonst von Johannes B. Kerner rausgeschmissen würde, sie aber Eva Hermann mag, ja alle Evas mag, sage ich, ich mag alle Nina Hagens. Aber es gibt eben nur eine.
Das ganze Konzert in vier MP3-Dateien [153 MB, 192 kbit/s].