Samstag, 26. Juni 2010

Vom Atlas zum Blog

"Der Atlas" (Heinrich Heine/Franz Schubert)

Wer sich schon immer gefragt hat, woher der Name dieses Blogs kommt, der erhält jetzt Aufklärung. "Blog der Lieder" ist eine Anspielung auf Heinrich Heines Gedichtband "Buch der Lieder" (1827), dem auch eines meiner Lieblingsgedichte "Der Atlas" entstammt. Die Vertonung dieses Kleinods durch Franz Schubert ist dazu noch eines meiner Lieblingslieder und von daher war der Name "Blog der Lieder" 2007 bei der Kreierung dieses Blogs sehr naheliegend.

Die wohl vollkommenste mir bekannte Version des Stücks gelang dem Franzosen (immerhin mit deutschen Wurzeln) Gérard Souzay, begleitet von Dalton Baldwin im Jahr 1955. Die Aufnahme ist bei Testament in einer gut dokumentierten Lizenzaufnahme erhältlich. Ihm liegt vor allem die Ausdeutung des Gemütszustands des Atlas am Herzen. Das Wort wird ausgeleuchtet, aber nie überleuchtet. Eine saubere Aussprache und das virile Timbre machen seine Version zum Meilenstein.

Eine ebenfalls gelungene und klangschöne Interpretation gelang dem Dresdner Bariton Stephan Loges mit Roger Vognoles am Klavier am 2. Mai 2006 im Amsterdamer Concertgebouw (siehe Video). Im Vergleich zum Franzosen kann aber der Deutsche nicht die gleiche Monumentalität und die Punktgenauigkeit der emotionalen Darbietung aufweisen.

Text:
Ich unglücksel'ger Atlas! Eine Welt,
Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen,
Ich trage Unerträgliches, und brechen
Will mir das Herz im Leibe.

Du stolzes Herz, du hast es ja gewollt!
Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklich,
Oder unendlich elend, stolzes Herz,
Und jetzo bist du elend.

Sonntag, 13. Juni 2010

Kleine weiße Wolke

Dokumentation über Vesselina Kasarova und die Stimmen Bulgariens: "Nun sag mir kleine weiße Wolke" (2002) von von Claus Wischmann und Stefan Pannen

Anlässlich der Aufnahme ihres Folklorealbums "Bulgarian Soul" begleitete Vesseline Kasarova ein ZDF-Team in ihre Heimat, Bulgarien, und auf ihre künstlerische Heimat, die Opernbühne.

Ganz nah erlebt man die große Künstlerin. Keine Frage, hier ist eine Sängerin am Werk, deren Herz am rechten Fleck ist und deren Geist niemals zu beeindrucken versagt.

Was mir an der Sängerin immer gefallen hat, ist ihre Fähigkeit durchdachtes und gefühltes Singen in eine Balance zu führen. Ihr dunkler, aber nicht schwerliegender Stimmklang und ihre der alten Schule entnommene Technik unterscheiden sie von allen, die sonst so heutzutage von den Medien als Gesangswunder beworben werden.

Vesselina Kasarova: Nun sag mir kleine weiße Wolke from Der Atlas on Vimeo.

Dienstag, 1. Juni 2010

Abschied am Main

Whitney Houston in Frankfurt, Festhalle am 31. Mai 2010

Auf dem letzten Konzert ihrer Deutschland-Tour konnte Whitney Houston (Photo: nordbayern.de) stimmlich nicht so sehr beeindrucken wie zum Beispiel in Nürnberg zuvor, aber eine gut aufgelegte Künstlerin und der Wille zu singen, haben den Abend dennoch zu großem Erfolg geführt.

Schnell war klar, dass Whitney Houston am Main nur mit halber Stimme wird singen können. Die Kopfstimme war ausgefallen. Die Ursache dafür liegt in der Natur. Sie sei nur menschlich und eine Frau, was sie mit einer kurzen A-cappella-Version von "I'm Every Woman" unterstrich. Unmissverständlich, was damit gemeint war.

Da ihr dieses vokale Defizit bewusst war, hat sie meistens auch auf den Versuch verzichtet, in die für sie typischen berauschenden Höhen zu gehen. Ihre Bruststimme, die ebenfalls etwas brüchiger war, musste das ausgleichen. Und sie tat es. Sie entlockte ihrem Gesangsapparat so manches, was bei einer anderen Sängerin undenkbar gewesen wäre. Gerade die Titel, die in diesem Bereich liegen wie "I Learned From The Best" gelangen geradezu genialisch. Ihre für den Jazz perfekte Phrasierungskunst stellte sie hier wieder einmal zur Schau. Dass die Berufskritik darauf nicht eingeht, ist erschreckend entlarvend. Über das sehr schwierige und höhenfliegende "I Look To You" rettete sie sich gekonnt und beeindruckend.

Als es zum vermeintlichen Höhepunkt des Konzertes kam, "I Will Always Love You", sang sie die erste Strophe und Refrain klanglich einwandfrei und ging nach Anweisung an die Musiker in ihre neue Überlebenshymne "I Didn't Know My Own Strength" über. Die Überraschung und Enttäuschung ob dieses Programmwechsels war vielen Anwesenden ins Gesicht geschrieben, aber es wurde schnell deutlich, dass es die richtige Entscheidung war. Denn die Darbietung des Diane-Warren-Lieds gelang ohne Brüche und mit viel Gefühl und führte zu nicht aufhörend wollendem Applaus, was die Diva bei überkochendem Applaus sichtlich gerührt hatte.

Es war ein Abend des Abschieds. Die schwierige Mission Deutschland hat die Amerikanerin souverän ohne irgendwelche Skandälchen oder Stolpersteine überstanden, dafür aber gesehen, dass sie hier eine überaus loyale und kräftige Fangemeinschaft hat, der sie zum Schluss zugesungen hat, "See you next time!" ("Bis zum nächsten Mal!"). Keine Frage. Wir sehen uns.

Konzert als MP3 [224 kbit/s, 67,7 MB/96,1 MB]

Wir sind das Volk, Nina!

Nina Hagen in Halle auf dem Hallmarkt bei den Händels Open am 30. Mai 2010


In den letzten Jahren hat sich Nina Hagen eher als Gast in Fernsehdiskussionsrunden und als Berufsquerulantin profiliert denn als Musikerin. Ein paar Konzerte hier, ein paar Studioaufnahmen dort, aber für die meisten ist sie die Verrückte, die an Außerirdische und den Weltfrieden glaubt. Dabei hat sie als Musikerin immer noch und eigentlich viel mehr zu bieten als in ihrer quasi-politischen Rolle. Das bewies sie am Sonntag bei schlechtem Wetter in Halle an der Saale.

Man mag der Künstlerin so einiges zuschreiben, aber dass sie schuld am Dauerregen und der Kälte war, nur schwerlich. Aber halb so schlimm. Die gebürtige Berliner hatte genug Hitze im Blut und in der Kehle, um den Zuschauern ordentlich einzuheizen.

Im Mittelpunkt des knapp zweistündigen Konzerts stand die noch nicht erschienene neue Platte titels "Personal Jesus" (VÖ: 16. Juli 2010). Diese ist eine Ansammlung von religiösen Liedern, vor allem im Bluesstil. Das neue Material wirkt live noch etwas schwach, aber Hagen ist mit vollem Herzen dabei.

Bei den älteren Liedern kann sie die vokale Virtuosität nicht mehr nachvollziehen. Ihre Kopfstimme existiert nicht mehr. Dafür ist aber ihre Bruststimme tiefer geworden, wenn auch etwas flacher. Insgesamt kann sie auch heute noch besser singen als alle Poppüppchen dieser Welt und ihr einmaliger Gesangs-, Phrasierungs- und Interpretationsstil ist derselbe (verrückte) wie eh und je.

Die Konzertbesucher, die da waren trotz schlechten Wetters waren entschlossen, das Konzert zu genießen. Die stimmliche Degradation war offensichtlich kein Thema und das ist auch nicht blauäugig. Denn als Musikerin kann sie immer noch viel bieten.

Aber auch bei diesem Konzert kann sie nicht lassen von ihren politischen Ambitionen. Sie spricht sich aus gegen Atomkraft, sie beglückwunscht die Menschen in Halle und Leipzig für die friedliche Revolution 1989 und spricht von Angela Merkel als ihrem verlorengegangenen Zwilling. Sie ist, auch wenn ihr manche anderes unterstellen, ein hellwacher Geist. Vielleicht denkt sie nicht in den eingefahrenen Mustern und Rahmen, aber gerade deswegen ist es wichtig, dass sie spricht. Wenn sie auch noch ein Stück besser singt.

Im Programm enthalten war die ganze musikalische Bandbreite der Sängerin, von Punk über Blues bis zu Schlager. Drei Zugaben gewährte sie dem Publikum und damit eine mehr, als es ihr Bandleader gern gehabt hätte. Sie erwies sich immer wieder und hier besonders als Volksdiva (sehr oft fiel von ihr der Wendesatz "Wir sind das Volk!"). Dabei war auch der Kitsch- und Ostalgiekracher "Du hast den Farbfilm vergessen". Überraschenderweise sang sie auch diese Nummer, die ihr und auch uns eigentlich zum Halse heraushängen müsste, voller Verve.

Der Höhepunkt war sicherlich eine mehr als gelungene und eindringliche Version des Evergreens "My Way". Die sehr personalisierte Version bekam in der Hallenser Fassung noch einmal einen besonderen Klang. Spätestens hier war der Regen nebensächlich, wenn er sich auch nicht der deutschen Diva unterordnen wollte.

Die Band hat eine passable Arbeit geleistet, wenn auch nicht unbedingt auf dem künstlerischen Niveau von Nina Hagen. Wenn diese selbst zur Gitarre griff, klang es nicht schlecht, aber ihre Stärke ist es nicht.

So wie Nina Hagen bei dem Wort "highway" darauf kam, dass man im deutschen Fernsehen "Autobahn" nicht sagen darf, weil man sonst von Johannes B. Kerner rausgeschmissen würde, sie aber Eva Hermann mag, ja alle Evas mag, sage ich, ich mag alle Nina Hagens. Aber es gibt eben nur eine.

Das ganze Konzert in vier MP3-Dateien [153 MB, 192 kbit/s].