Nun ist Oslo vorbei und Deutschland steht als Sieger fest. Meine Prognosen haben sich sämtlich nicht bewahrheitet, lediglich die Reihenfolge von Aserbaidschan, Serbien und Israel (Platz 5 bzw. 13 bzw. 14) ist so gekommen. Die drei Erstplatzierten:
1. Deutschland
2. Türkei
3. Rumänien
Warum lag ich mit meiner Prognose so falsch? Erstens habe ich die Lieder als Komposition betrachtet, zweitens Sänger nach ihren Fähigkeiten bewertet, drittens habe ich die Inszenierung der Show mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer abzugleichen versucht. Das ist gründlich daneben gegangen, die Zuschauer (und die Jury!) haben sich vor allem für Leistungen entschieden, die keinerlei Erwartungshaltung entsprachen und in vielen Fällen auch keinen Qualitätsansprüchen.
Eine recht belanglose Rocknummer wie die aus der Türkei mag man im Fahrstuhl gerne mal vom Erdgeschoss zum vierten Stockwerk hören, dann ist es aber auch gut. Auch Lenas Nummer und Leistung haben keine Siegerqualitäten. Damit liegt sie aber mit dem bis dahin einzigen deutschen Siegertitel von Nicole ("Ein bisschen Frieden") auf einer Linie. Es hat in der deutschen Grand-Prix-Geschichte bessere Sänger (Joy Fleming) und bessere Titel ("Theater") gegeben, aber was interessiert die Stimmberechtigten beim ESC, was Qualität und was Gesang ist.
Der Analyse der NZZ muss bedingt zugestimmt werden: "Lena präsentierte weder den besten Song, noch hatte sie die beste Stimme oder ein gutes Englisch. Doch ein Mix aus viel Charme, Attraktivität, riesiger Freude am Singen und am Auftritt und einem eingängigen Lied überzeugte die Jury und Zuschauer europaweit und kürten sie zu einer verdienten Siegerin in einem Wettbewerb, bei dem es immer wieder zu Überraschungen kommt."
Eine Überraschung war es für mich jedenfalls, verdient keinesfalls. Am gestrigen Abend gab es bessere Sänger (Milan Stankovic für Serbien) und bessere Lieder ("Milim" aus Israel). Doch Lena hat gewonnen. Ob es ihre rotzfreche Art war, ihre minimale Show, ihr bis auf die Knochen reduziertes Lied oder einfach, dass sie irgendetwas gesungen hat und die Leute aber sie gewählt haben. Das Mädel auf der Bühne, nicht die Sängerin, nicht das Lied (es heißt Song Contest!), einfach das Mädchen, das ganz hübsch aussieht, aber vor allem die Jugend anspricht, weil sie nicht besser und nicht schlechter ist als man selbst. Dass das einen Sieger ausmachen sollte, widerspricht meinem musikalischen Verständnis, aber die relative Mehrheit der europäischen und zentralasiatischen Zuschauerschaft sieht es anders.
Eine interessante Frage wäre, inwieweit die Juryabstimmung, die 50 Prozent zum Ergebnis beiträgt, zu Lenas Sieg verholfen hat. In den "Kennerkreisen" wurde sie im Vorfeld sehr stark beworben. Im Zweifelsfall haben sich aber auch die Zuschauer vereinnahmen lassen. Vom Zeitgeist, vom Hype oder einfach von Lenas bleichgesichtigem Lächeln.
Zu dem deutschen Sieg beigesteuert haben aber auch die schwachen Leistungen der Favoriten. Der Iraeli Harel Skaat, der ein begnadeter Sänger ist, hat seinen Auftritt nicht zu seinem Gunsten genutzt. Zu viele Töne, ja vor allem der wichtigste gingen daneben. Eine solche schlechte Intonation fällt auch sehr vielen Laien auf, der Schwierigkeitsgrad des Liedes wohl weniger. Dass er trotzdem als Einziger bei mir Gänsehaut erzeugen konnte, lässt mich ihm das verzeihen. Die Zuschauer haben anscheinend ihre Haut gut abgeschirmt.
Der beste Auftritt mit einem der besten Lieder war das von Serbien. Der Sänger, auch er ein fantastischer, hat fehlerfrei gesungen, aber leider nicht mehr. Für eine bessere Platzierung oder gar den Sieg hätte er sich im Vergleich zum Halbfinale steigern müssen. Dies wie den israelischen Fall konnte ich nicht voraussehen.
Bleibt noch Aserbaidschan. Dass die Sängerin keine der besten ist, war schon vorher klar. Eine etwas sicherere Leistung hätten sie aber auf jeden Fall mit der Zeitgeistnummer "Drip Drop" in die Top 3 katapultiert, so bleibt immerhin Platz 5.
Mit Bitterkeit muss man feststellen, dass beim Finale lediglich sechs Nummern nicht komplett oder zum größten Teil auf Englisch gesungen wurden. In den Top 10 findet sich lediglich eine davon, nämlich die aus Griechenland (Platz 8), die aus Unsinnstext besteht und bei der der Zuschauer sowieso nicht gemerkt hat, dass sie nicht auf Englisch ist. Opa!
Damit degradiert sich der Wettbewerb zu einem "Europa sucht den Superstar", bei dem Kultur nur im Joghurt ihren Platz hat. Auch der geniale arrmenische Duduk-Spieler Dschiwan Gasparian musste seine Kunst zu englischem Text, aber immerhin orientalischen Klängen darbieten. Wer bei Lenas Sieg wirklich patriotische Gefühle entwickeln will, sollte bedenken, dass das Vaterland hierbei Deutschland ist und das Lied weder von einem Deutschen geschrieben noch in deutscher Sprache verfasst wurde, Hinweise auf deutsche Musiktradition finden sich darin genausowenig. Das ist schade und bei aller Freude über den ESC im eigenen Land im Jahr 2011 stimmt es den Kulturpluralisten auch ein wenig traurig.



