Sonntag, 30. Mai 2010

Traurige Freude

Analyse des Eurovision Song Contest 2010

Nun ist Oslo vorbei und Deutschland steht als Sieger fest. Meine Prognosen haben sich sämtlich nicht bewahrheitet, lediglich die Reihenfolge von Aserbaidschan, Serbien und Israel (Platz 5 bzw. 13 bzw. 14) ist so gekommen. Die drei Erstplatzierten:
1. Deutschland
2. Türkei
3. Rumänien

Warum lag ich mit meiner Prognose so falsch? Erstens habe ich die Lieder als Komposition betrachtet, zweitens Sänger nach ihren Fähigkeiten bewertet, drittens habe ich die Inszenierung der Show mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer abzugleichen versucht. Das ist gründlich daneben gegangen, die Zuschauer (und die Jury!) haben sich vor allem für Leistungen entschieden, die keinerlei Erwartungshaltung entsprachen und in vielen Fällen auch keinen Qualitätsansprüchen.

Eine recht belanglose Rocknummer wie die aus der Türkei mag man im Fahrstuhl gerne mal vom Erdgeschoss zum vierten Stockwerk hören, dann ist es aber auch gut. Auch Lenas Nummer und Leistung haben keine Siegerqualitäten. Damit liegt sie aber mit dem bis dahin einzigen deutschen Siegertitel von Nicole ("Ein bisschen Frieden") auf einer Linie. Es hat in der deutschen Grand-Prix-Geschichte bessere Sänger (Joy Fleming) und bessere Titel ("Theater") gegeben, aber was interessiert die Stimmberechtigten beim ESC, was Qualität und was Gesang ist.

Der Analyse der NZZ muss bedingt zugestimmt werden: "Lena präsentierte weder den besten Song, noch hatte sie die beste Stimme oder ein gutes Englisch. Doch ein Mix aus viel Charme, Attraktivität, riesiger Freude am Singen und am Auftritt und einem eingängigen Lied überzeugte die Jury und Zuschauer europaweit und kürten sie zu einer verdienten Siegerin in einem Wettbewerb, bei dem es immer wieder zu Überraschungen kommt."

Eine Überraschung war es für mich jedenfalls, verdient keinesfalls. Am gestrigen Abend gab es bessere Sänger (Milan Stankovic für Serbien) und bessere Lieder ("Milim" aus Israel). Doch Lena hat gewonnen. Ob es ihre rotzfreche Art war, ihre minimale Show, ihr bis auf die Knochen reduziertes Lied oder einfach, dass sie irgendetwas gesungen hat und die Leute aber sie gewählt haben. Das Mädel auf der Bühne, nicht die Sängerin, nicht das Lied (es heißt Song Contest!), einfach das Mädchen, das ganz hübsch aussieht, aber vor allem die Jugend anspricht, weil sie nicht besser und nicht schlechter ist als man selbst. Dass das einen Sieger ausmachen sollte, widerspricht meinem musikalischen Verständnis, aber die relative Mehrheit der europäischen und zentralasiatischen Zuschauerschaft sieht es anders.

Eine interessante Frage wäre, inwieweit die Juryabstimmung, die 50 Prozent zum Ergebnis beiträgt, zu Lenas Sieg verholfen hat. In den "Kennerkreisen" wurde sie im Vorfeld sehr stark beworben. Im Zweifelsfall haben sich aber auch die Zuschauer vereinnahmen lassen. Vom Zeitgeist, vom Hype oder einfach von Lenas bleichgesichtigem Lächeln.

Zu dem deutschen Sieg beigesteuert haben aber auch die schwachen Leistungen der Favoriten. Der Iraeli Harel Skaat, der ein begnadeter Sänger ist, hat seinen Auftritt nicht zu seinem Gunsten genutzt. Zu viele Töne, ja vor allem der wichtigste gingen daneben. Eine solche schlechte Intonation fällt auch sehr vielen Laien auf, der Schwierigkeitsgrad des Liedes wohl weniger. Dass er trotzdem als Einziger bei mir Gänsehaut erzeugen konnte, lässt mich ihm das verzeihen. Die Zuschauer haben anscheinend ihre Haut gut abgeschirmt.

Der beste Auftritt mit einem der besten Lieder war das von Serbien. Der Sänger, auch er ein fantastischer, hat fehlerfrei gesungen, aber leider nicht mehr. Für eine bessere Platzierung oder gar den Sieg hätte er sich im Vergleich zum Halbfinale steigern müssen. Dies wie den israelischen Fall konnte ich nicht voraussehen.

Bleibt noch Aserbaidschan. Dass die Sängerin keine der besten ist, war schon vorher klar. Eine etwas sicherere Leistung hätten sie aber auf jeden Fall mit der Zeitgeistnummer "Drip Drop" in die Top 3 katapultiert, so bleibt immerhin Platz 5.

Mit Bitterkeit muss man feststellen, dass beim Finale lediglich sechs Nummern nicht komplett oder zum größten Teil auf Englisch gesungen wurden. In den Top 10 findet sich lediglich eine davon, nämlich die aus Griechenland (Platz 8), die aus Unsinnstext besteht und bei der der Zuschauer sowieso nicht gemerkt hat, dass sie nicht auf Englisch ist. Opa!

Damit degradiert sich der Wettbewerb zu einem "Europa sucht den Superstar", bei dem Kultur nur im Joghurt ihren Platz hat. Auch der geniale arrmenische Duduk-Spieler Dschiwan Gasparian musste seine Kunst zu englischem Text, aber immerhin orientalischen Klängen darbieten. Wer bei Lenas Sieg wirklich patriotische Gefühle entwickeln will, sollte bedenken, dass das Vaterland hierbei Deutschland ist und das Lied weder von einem Deutschen geschrieben noch in deutscher Sprache verfasst wurde, Hinweise auf deutsche Musiktradition finden sich darin genausowenig. Das ist schade und bei aller Freude über den ESC im eigenen Land im Jahr 2011 stimmt es den Kulturpluralisten auch ein wenig traurig.

Freitag, 28. Mai 2010

Meine Prognose für Oslo

Prognosen für den Grand Prix 2010

Nach den beiden Halbfinalen des Eurovision Song Contest 2010 in Oslo stehen nun die 25 Teilnehmer des Finales am 29. Mai 2010. Diese sind:
1. Aserbaidschan
2. Spanien
3. Norwegen
4. Moldawien
5. Zypern
6. Bosnien-Herzegowina
7. Belgien
8. Serbien
9. Weißrussland
10. Irland
11. Griechenland
12. Großbritannien
13. Georgien
14. Türkei
15. Albanien
16. Island
17. Ukraine
18. Frankreich
19. Rumänien
20. Russland
21. Armenien
22. Deutschland
23. Portugal
24. Israel
25. Dänemark

Nun wird es aber auch der Zeit meinen Tipp für den Gewinner und einige Nebentipps abzugeben.

Mein Tipp für den Sieger
Aserbaidschan
Die sehr moderne, beatlastige Nummer aus dem Kaukasus ist für mich der klare Favorit auf den Sieg. Die Sängerin Safura ist nicht ganz intonationssicher, aber die Nummer und eine perfekte Inszenierung sollten den Sieg bringen. Der Auftritt vom Halbfinale am Donnerstag:

Der zweite Platz
Serbien
Für den zweiten Platz qualifiziert sich meiner Meinung nach Serbien. Ein grandioser Sänger und ein perfekt abgestimmter Weltmusikhit. Was dem Sänger an Ausstrahlung fehlt, hat er in den Stimmbändern.

Platz 3
Israel
Als Geheimtipp (und mein persönlicher Favorit) gestartet hat Harel Skaat mit einem beeindruckenden und an Intensität nicht zu überbietendem Vortrag seines Liedes "Milim" beim Halbfinale in meinen Augen die Karten vertauscht. Er ist ist jetzt klarer Favorit. Als beste Ballade des Wettbewerbs hat der Beitrag sehr große Chancen.

Der Deutschland-Tipp
Eine mittelmäßige Sängerin mit einem mittelmäßigen Beitrag, die von allen hochgejubelt wird, macht noch keine Siegerin. Der Titel wird meiner Einschätzung nach die Top 100 verfehlen und zwischen den Plätzen 10 und 20 landen.

Natürlich sind die Prognosen nur meine Meinung. Die Top 3 könnte vertauscht als Ergebnis herauskommen. Am Sonntag wissen wir mehr.

Balance zwischen Anspruch und Erwartung

Whitney Houston in Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung am 27. Mai 2010

Wenn man etwas am wenigsten erwartet, wird man meistens überrascht. Nach drei mehr (Leipzig, Hamburg) oder weniger (Berlin) gelungenen Konzerten von Whitney Houston durfte ich mich nun von ihr in Nürnberg überraschen lassen.

Es begann recht unspektakulär in der ersten Hälfte. Erste Anzeichen davon, dass sie sich nicht komplett auf die Kopfstimme verlassen wird können, waren erkennbar. Sie sang dennoch ein ordentliches "I Look To You".

Auch "My Love Is Your Love" funktionierte wie immer als Publikumsliebling. "It's Not Right But It's Okay" offenbarte einige vokale Ecken und Kanten, die dem Lied aber nicht schadeten.

In der zweiten Hälfte des Konzerts wandelte sich aber ein solides Konzert zu einem herausragenden, auch wenn es wieder eher verhalten anfing. Das Tribut an Michael Jackson in Form des Leon-Russell-Schlachtrosses "A Song For You" spannte das Publikum ziemlich an aufgrund der für Nicht-Fans doch langen und vielleicht auch schwer verständlichen Rede. Als das Reden vorbei war, wurde es spektakulär. Die Improvisations- und Phrasierkunst der Sängerin (Photo: infranken.de) zeigten sich von ihrer besten Seite. Hier war der Höhepunkt, wie so gut wie bei jedem ihrer Konzerte des aktuellen Tournee, "I Learned From The Best". Eigentlich eine recht musterhaft gestrickte Pop-Ballade, ist sie im neuen Arrangement ein Jazzfest. Sie scattet, sie macht Geräusche, die jeglicher Bezeichnung spotten, sie improvisiert und sie hat den Swing. Das ist ihr Weg.

Auch "I Love The Lord" war wieder die Manifestation einer wahren Sängerin. Wer Gospel singen kann, der kann alles singen. Whitney Houston kann Gospel singen.

Die größte Überraschung und das Lied, das das Publikum ganz klar auf die Seite der Sängerin brachte, war jedoch das Lied, für das ich jegliche Hoffnung verloren hatte: "I Will Always Love You". Selten, das heißt nie hat sie es auf dieser Tour so gut, so nah am Original gesungen. Auch hier gingen einige wenige Noten daneben, aber keine, die sie nicht retten konnte. Die Klimax war jedoch (und die hat ihr in letzter Zeit besonders viele Probleme gemacht) einwandfrei. Der Saal in Franken tobte. Der Applaus für diese Leistung war ungeahnt. Sodann konnte dieser Abend nur noch als Erfolg verbucht werden. Es wurde anschließend getanzt, am Ende gab es ihre neue Hymne "I Didn't Know My Own Strength" in einer gekürzten, aber sehr effektiven Version. Sie kombinierte das Lied mit Zeilen aus einem von Robert Kelly geschriebenen Lied aus dem neuen Album, "Salute".

Eine andere Sängerin, die zwei Lieder auf einmal singen kann, ist mir unbekannt. Ebenso wie eine, die man nicht mit stereotypen Vorstellungen von Musik verstehen kann, die über das Abspulen von Leidern hinausgeht. Ihr ist aber in Nürnberg eine Balance zwischen Anspruch der Sängerin und Erwartung des Publikums gelungen. Vor der Zugabe gab es frenetischen Applaus.

Audio des Konzerts (exklusive der letzten zwei Lieder).

Dienstag, 18. Mai 2010

Von Sängerin zu Fans

Whitney Houston in der O2 World, Hamburg am 17. Mai 2010

Eine Sängerin innerhalb von fünf Tagen dreimal zu sehen und jedes Mal dabei ein anderes Erlebnis zu haben, das ist eine erhebliche Leistung – von Seiten des Künstler wohlgemerkt. Aber man muss sich darauf einlassen, die Kunst verstehen wollen. Wer dazu bereit war, erlebte in Hamburg eine Sensation.

Trotz weiterhin bestehender Heiserkeit hat die Sängerin in Hamburg eine grandiose Leistung abgeliefert. Was hat man an diesem Abend gehört und gesehen? Eine Sängerin, die brillante Töne gezaubert hat, die immer noch einen beeindruckenden Stimmumfang besitzt trotz eingeschränkter Flexibilität. Das konnte sie gestern in der Hamburger O2 World beweisen.

Bei "I Look To You", das mittlerweile zu einer ihrer großen Hymnen geworden ist, ohne jemals ein Hit gewesen zu sein, zauberte sie wie ein Magier das Kaninchen aus dem Zylinder eine Stimme aus ihrem Körper, die man ihr fast schon nicht zugetraut hatte. Die bisher wohl beste Version dieses Liedes und – Fan oder nicht – ein vokaler Geniestreich.

Der Videobeweis:

Überhaupt hat sie in dem Konzert gekämpft und oft gewonnen. Sie hat ihre Stimmbänder an die Grenzen gedehnt. Dass sie immer noch die beste Kopfstimme unter den Pop-Sängerinnen besitzt, hat sie mehr als hinreichend bewiesen. Und dass sie eine reiche Tiefe dazugewonnen hat, mit der sie wohl mehr spielen würde, wäre sie von vielen nicht als unweiblich angesehen, auch.

So gut sie auch in der Hansestadt gesungen hat, der Höhepunkt war dann doch wieder etwas Zwischenmenschliches. Eine ältere Dame, die in der ersten Reihe saß und Whitney ganz deutlich ihr Wohlgefallen gezeigt hatte, rückte in den Mittelpunkt, als die Sängerin bei dem Gospelteil ihres Konzerts angekommen war. Sie ließ die Kamera auf die Dame richten und verkündete, dass sie "I Love The Lord" nur für sie singen würde. Denn Menschen wie sie seien der Grund, wieso sie auf der Bühne stünde. Bewegende, weil wahre Worte, die an einem Fan nicht spurlos vorbeigehen konnten, vor allem angesichts einer Presse, die unverblümterweise für sich beansprucht, die wahren Fanmeinungen wiederzugeben. Nur einige Sitze entfernt stand das ganze Konzert über ein kleines Mädchen. Diesen Altersunterschied bei den Fans der Sängerin ließ sie nicht unkommentiert – auch nicht ganz ohne Stolz.

Am Ende blieb ein emotional bewegter Abend und eine Sängerin, die alles gab und oft, viel öfter als man ihr zubilligt und andere im Stande sind, ins Schwarze traf. Eine Sängerin, die, wie sie in dem Tourprogramm schreibt, diese Tour nur für ihre Fans macht. So idyllisch ist vielleicht alles dann doch nicht, aber gefühlt war dieses Konzert nur von Sängerin zu Fans.

Der Audiobeweis:

WH in HH, 17. Mai 2010 from Der Atlas on Vimeo.

Freitag, 14. Mai 2010

Frei zu singen

Whitney Houston in Leipzig in der Arena Leipzig am 13. Mai 2010

Was perfekt ist, sollte man nicht mit Worten zerstören. Dieses Konzert war perfekt. Nicht in dem Sinne, dass es ohne jegliche Mängel war. Das war es wohl kaum. Aber ein erfolgreiches Konzertelebnis wird bedingt durch zahlreiche Faktoren, die nicht für jeden innerhalb und außerhalb des Konzertsaals nachvollziehbar sind. So war für mich das Leipziger Konzert perfekt und doch sollen ein paar Worte dazu gesagt werden.

Nach einem stimmlich und stimmungsmäßig durchwachsenen Konzert in Berlin hat Whitney Houston wieder zu neuen, besseren Kräften gefunden. Etwas Heiserkeit war noch da. Allerdings funktionierte die Kopfstimme deutlich besser, wenn auch stellenweise trocken. Das Wichtigste aber war, dass die Sängerin in deutlich besserer Stimmung, entspannter und wärmer war. Sie hat sich in Leipzig, anders als in Berlin, wohlgefühlt und dementsprechend viel mehr gegeben.

Eine makellose Interpretation von "I Look To You" stellte nach den ersten zwei Tanznummern "For the Lovers" und "Nothin' But Love" den ersten Höhepunkt der Show dar. Mit "Step By Step" und "My Love Is Your Love" holte sie sich die Zuschauer auf ihre Seite.

Dass dieser Abend etwas ganz Besonderes ist, hat man als Konzerbesucher nicht nur mit den Ohren gehört, man hat es auch in den Gesichtern der Band und Hintergrundsänger vernommen, die nebenbei bemerkt zu dem Besten gehören, was die Pop-Musik zu bieten hat. So widmete ihr Bruder Gary Houston, der sie seit Karrierebeginn im Chor begleitet, das Lied "For the Love of You" seiner Schwester. Normalerweise gilt dieses Lied den Frauen in seinem Leben. Es war klar, hier wird eine große Show gemacht.

In der zweiten Hälfte ging es auf demselben hohen Niveau weiter, ja es steigerte sich sogar noch. Nach einem emotionalen Tribut an Michael Jackson mit dem Lied "A Song for You", das die Sängerin für ihr neues Album just in der Zeit aufnahm, als der König des Pops für immer verstummte. Die zwei waren Freunde. Hier spürte man es. Der Hinweis, dass sie ihn Michael und er sie Whitney genannt hat, mögen einige Naivlinge als nichtssagend ansehen, doch dies ist es nicht. Jackson, der von der Presse nur als "Jacko" oder schlimmer als "Wacko Jacko" ("verrückter Jacko") verspottet wurde, holte sie damit runter vom Podest des Pop-Königs und hoch vom Boulevard-Sumpf und machte ihn einfach zu ihrem Freund. Bewegend.

Das Liebesmedley mit Hits aus den 80er und einem verjazzten "I Learned from the Best" setzte dem Ganzen die Krone auf. Letzteres Lied beweist (nicht nur dank der beeindruckenden Scattingeinlage), dass hier eine Sänger steht, die reifer – menschlich wie musikalisch – dasteht. Der Weg in die anspruchsvollere Musik des Jazz und des Gospels sind unausweichlich. Ein kurzer Ausflug zum Gospellied "His Eye Is on the Sparrow" und eine Gospelorgie mit "I Love the Lord" untermauern dies.

Auch "I Will Will Always Love You" ist ihr nach langer Zeit wieder prächtig gelungen. Keine künstlichen Pausen, keine Angst, dass etwas kippt. Ich war ehrlich und überraschenderweise berührt. Hier wusste ich, sie hat es geschafft.

Die von Narada Michael Walden produzierten Tanzklassiker "How Will I Know" und "I Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me)" haben die Arena wieder zum Kochen, Tanzen und Mitsingen gebracht. Eigentlich ist sie aus diesen Liedern schon langer herausgewachsen, aber sie bleiben Publikumslieblinge.

Den vorläufigen Abschluss bildete eine epochale Version ihres neuen Klassikers "I Didn't Know My Own Strength". Sie bedankte sich bei ihrer Tochter, die vor der Bühne als Unterstützung da war, für die Liebe und stellte fest, dass sie eine Kämpferin ist. Das war und bleibt sie. Mit der (geplanten) Zugabe "Million Dollar Bill" beendete sie in zerrissenen Jeans und immer noch einwandfreier Stimme einen mehr als gelungenen Abend.

Die Moral des Abends fasst der bereits erwähnte Ausflug zu "His Eye is on the Sparrow" zusammen".

"I sing because I'm happy, I sing because I'm free."

"Ich singe, weil ich glücklich bin. Ich singe, weil ich frei bin."

An diesem Abend war auch ich sowohl glücklich als auch frei. Mehr kann man mit Musik nicht erreichen. Danke, Whitney!

WH in LE from Der Atlas on Vimeo.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Ein Mensch und eine Sängerin

Whitney Houston in der O2 World in Berlin am 12. Mai 2010

Große Künstler erreichen irgendwann eine Phase in ihrem Leben, wo sie selbst mehr sind als ihre Kunst. Es kann sein, dass Whitney Houston an dieser Phase angelangt ist. Sie kann nicht mehr auf perfekt ausgeführte Gesangslinien und punktgenau getroffene hohe Töne reduziert werden. Alles Menschliche ist es nun, was die Sängerin ausmacht. In Berlin konnte man dies aufs Beste erfahren.

Nicht alle Töne saßen sicher, die Sängerin war etwas heiser, aber gewiss konnte sie ihr Talent so einsetzten, wie es ihr nur möglich war. Man kann Whitney Houston als Sängerin nicht an den "Bodyguard"-Zeiten (1992-1994) messen, dafür hat sie zu vieles durchgemacht – womit sie auch in dem Konzert ihre bitterbösen Witze treibt –, zu vieles in ihrer Kunst geleistet, als dass es ihr durch stellenweise Imperfektion genommen werden könnte.

Auch in eher mittelmäßiger Form – dass sie es noch besser kann, hat sie in Italien vor ein paar Tagen gezeigt – ist sie eine herausragende Künstlerin und – heute stärker als je zuvor – eine Interpretin, wie man sie in der Populärmusik sonst nicht findet. Aber auch ihre Schwächen, ein nicht ganz gelungener hoher Ton hier, eine etwas unsaubere Intonation da, machen sie heute sympathischer, menschlicher, auch wenn man bedenkt, von wo sie kommt und wie sie sich verbessert hat – so klingt sie etwa besser als auf ihrem aktuellen Studioalbum "I Look To You". Auch in Berlin. Hier ist die Sängerin eine vollkommene Symbiose mit ihren Fans eingegangen. Die Liebeserklärung an Berlin und ihre Fans wirkte authentisch. Die Interaktion mit dem Publikum, auch wenn sie doch stellenweise zu langatmig und nicht pointiert genug erschienen sein mag, hat auch hier eine reife Künstlerin gezeigt.

Überhaupt das Menschliche: Sie baut nicht nur mittlerweile die Ermahnung daran, dass auch nur sie ein Mensch ist, in ihre Lieder ein, sie spricht es auch deutlich aus. Die Kritik an ihrer Person und ihren Konzerten hat sie sichtlich getroffen. Im Tribut an Michael Jackson erinnert sie so daran, die Worte über Künstler doch auch zu Lebzeiten behutsam zu wählen. Kein Mensch möchte hier widersprechen.

Allzu menschlich wurde sie, als ein Konzertbesucher aus dem vordersten Block sich wütend und mit Buhrufen nach dem Gospellied "I Love The Lord" verabschiedete. Die Sängerin hat es gehört und getroffen. Sie wurde nur noch vehementer in ihrem Anspruch aufs Menschsein und untermauerte ihre Liebesbeziehung zu Gott und sang angesichts eines Transvestiten in der ersten Reihe von der universellen Liebe Gottes (und wohl auch ihrer) gegenüber jedem, wie und was er auch sein mag. Applaus für die Künstlerin, die nach so vielen Jahren der Pop-Perfektion endlich Mensch geworden ist.

So ordentlich ihre künstlerische Leistung auch war, mittlerweile drehen sich die Verhältnisse um. Das Publikum wird immer mehr zum Star – negativ wie positiv (man beachte die Konzentration der Presse auf vereinzelte negative Publikumsmeinungen) –, der Star zum Zuschauer. Das Publikum hat in der überragenden Mehrheit seine Begeisterung (durch stehende Ovationen von Beginn des Konzertes an) gezeigt und die Sängerin genoss es. Es war aber insgesamt doch eine eher schwierige Konzertschar. Es gab einen Moment in dem Konzert, in dem manchem – mir – die Laune vergangen wäre, das Konzert fortzusetzen. Whitney Houston tat es professionell und mit vollem Herz. Ein Mensch durch und durch. Ebenso wie Sängerin.

Montag, 10. Mai 2010

Meine Favoriten für den Grand Prix

Am 29. Mai ist es wieder soweit: Europa und Zentralasien treten zu einem lustigen, für die Letztplatzierten (meistens Deutschland) weniger lustigen Lied-, Gesangs- und vor allem Showwettbewerb an.

Diesmal sind 39 Länder in drei Shows dabei. In zwei Vorrunden werden aus jeweils 17 Ländern zehn Länder für das Finale am letzten Maisamstag ausgewählt. Sicher dabei sind die großen Eurovision-Länder Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien sowie der Gewinner des letzten Jahres Norwegen.

Dies sind (in alphabetischer Reihenfolge) meine zehn Favoriten auf den diesjährigen Sieg:

  • Albanien
  • Armenien
  • Aserbaidschan
  • Deutschland
  • Finnland
  • Griechenland
  • Israel
  • Rumänien
  • Serbien
  • Spanien
  • Mein persönlicher Favorit ist Israel mit dem Sänger Harel Skaat und der Ballade "Milim" ("Worte"). Ich schättze die Chancen auf einen Sieg eher als klein ein, auch wegen der fehlenden Nachbarschaftsvorteile, gilt für mich aber als Geheimtipp und musikalischer Lichtblick in Oslo. Eine wunderschöne Gänsehautstimme und eine mehr als gelungene (die beste in diesem Jahr) Komposition (Tomer Adaddi/Noam Horev) müssen dieses Jahr belohnt werden. Auch der sympathischer Sänger und die Tatsache, dass es sich hier mal nicht um einen englischsprachigen Titel, sondern einen in der Landessprache handelt, schaden nicht. 2008 konnte auch schon Boaz Mauda mit einer ähnlich hervorragenden Leistung einen neunten Platz belegen.

    Auch Deutschland hat meiner Meinung nach keine guten Aussichten auf den Sieg, allerdings auf einen sehr guten oberen Platz. Die Show ist nicht spektakulär genug, das Lied (nach dem ersten Mal für den Zuschauer) nicht eingängig genug und die Künstlerin Lena Meyer-Landrut hat bei ihren letzten Auftritten erhebliche Schwächen gezeigt, die die große Bühne in Oslo nicht verzeihen wird. Das größte Potential hat das Lied in den Nord- und Westländern (Großbritannien, Skandinawien). Im Osten wird es höchstens Punkte im niedrigen Bereich geben. Für eine Platzierung unter den besten zehn sollte es aller Voraussicht nach aber ausreichen.

    Drei Länder sind meines Erachtens ganz vorne dabei: Aserbaidschan, Serbien und (erstaunlicherweise) Spanien. Spanien liefert einen Ohrwurm ("Algo pequeñito"/"Etwas ganz kleines") mit einem gut aussehenden und singenden Künstler und einer spektakulären Bühnenshow. Den Fluch gegen das "alte Europa" könnten die Iberer brechen.

    Sehr gute Chancen hat auch Serbien mit einer bezaubernden, in die Beine gehenden folkloristischen Nummer (Milan Stanković mit "Ovo Je Balkan" aus der Feder von keinem Geringeren als – man lese und staune – Balkanlegende Goran Bregović). Wäre der nicht etwas steife und milchbubihafte Sänger und die recht biedere Inszenierung, würde ich mich auf Serbien festlegen.

    Noch möchte ich ich keinen Siegertipp abgeben (das wird nach dem zweiten Halbfinale passieren), würde ich dies aber heute tun wollen, würde meine Wahl auf Aserbaidschan fallen. Was klar für diesen Beitrag (Safura mit "Drip Drop") spricht, ist die Produktion auf US-Niveau und die R&B-geschulte Stimme der Sängerin. Die Tänzer muten etwas fehlplatziert an, aber dieser Beitrag liegt (wie kein anderer in diesem Jahr ) voll im Zeitgeist der globalen Populärmusik (à la Rihanna, Lady Gaga, etc.).

    Es gibt noch viele Beiträge, die Geheimtippcharakter besitzen. Das musikalische Niveau ist dieses Jahr recht hoch. Es würde aber zu weit gehen alle Beiträge, die gewisses Potential haben, hier aufzulisten. Nur einer soll doch genannt werden, der von Frankreich (Jessy Matador mit dem Unsinnstitel "Allez! Ola! Olé!"), der eher an Fußball-WM als Eurovision erinnert. Kein Vergleich mit dem Jahrhundertauftritt von Patricia Kaas letztes Jahr ("S'il fallait le faire"), aber der guten deutsch-französischen Beziehungen wegen sei das Lied doch mal hier vorgestellt.

    Offizielle Eurovision-Song-Contest-Webseite