Kann man einen Artikel zu Jessye Norman schreiben, ohne auf die Einmaligkeit ihrer Stimme einzugehen? Kann man sie fernab ihrer Stimmpracht verstehen. Es scheint, unmöglich zu sein. Die Stimme steht beim Zugang zur Künstlerin im Wege wie ein Riesenberg, den es zu erklimmen gilt. Sie, die Bergkletterin, ist es jedenfalls gewohnt, diesen Berg zur Seite zu schieben und uns, das Publikum, auf unerklärliche Weise zu berühren, immer wieder staunen zu machen und uns zu frage, ob denn dies nur ein Traum ist. Diese gewaltige Karriere und die umso gewaltigere Stimme.

Sicher, so ein Berg ist keine filigrane Häkelware. Ihren Interpretationen fehlt manchmal der Feinsinn, nie aber der Gestaltungswille und das Vermögen, Szenen und Charaktere zu färben. Aber wer möchte schon über Interpretation und Ausdruck reden, wenn man diese Stimme hört? Und wenn sie nicht mehr das Kaliber von einst hat, sie mag immer noch alleine mir ihrer Stimme und Erscheinung faszinieren.
Nun wurde dieser menschgewordene Stimmtraum 65 Jahre alt. Es sind nicht so viele Jahre in dieser großartigen Karriere vergangen, wie großartige Sachen passiert sind. Diese Sängerin hat uns mehrfach Referenzeinspielungen geliefert. Ihre Vier Letzten Lieder von Richard Strauss sind das oft zitierte Beispiel, zu Recht. Vielleicht klangtechnisch veraltet, aber so nie wieder gehört, ihre Darbietungen von Heroinen der vergessenen Haydn-Opern. Ganz besonders begeistert ihre Lesung des Schubert'schen Liedes nach Goethe'schen Worten, "Erlkönig". Hier schlüpft sie in alle Gestalten der Ballade und malt sie mit ihrem mannigfaltigen Stimmklang aus. Ungehört.
Man könnte ihrer zahlreichen Errungenschaften als Sängerin hier beliebig weiterführen – ihre bezaubernden Interpretationen von Spirituals und Jazzstandards oder ihre ungewöhnliche, aber fesselnde Carmen oder oder ihre Fidelio-Lenore, die ich für die beste weit und breit halte –, aber vergessen darf man sie nicht als Humanistin, was leider oft hinter dem Vorwurf des vermeintlichen Divagehabes zurücktreten muss. Aber es bleibt nur eins: Ihr im Namen aller Fans zu gratulieren und uns allen zu wünschen, dass sie noch lange diesen Berg bewältigen kann. Denn sie kann es auch noch mit 65.

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