Sonntag, 15. August 2010

Ewa die Große

Konzert von Ewa Podleś und dem Amadeus Chamber Orchestra of Polish Radio unter Agnieszka Duczmal im Meldorfer Dom am 14. August 2010

Sie kam, sah und siegte. Daran müssen die alten Römer eigentlich gedacht haben, als sie die Redewendung "veni, vidi, vici" geprägt haben. Wie ein römischer oder sagen wir griechischer Imperator gleich Alexander dem Großen marschierte die stolze Polin - die ansonsten nichtsheißend eher einer bäuerlichen Edith Piaf ähnelt - im Dithmarschener Städtchen Meldorf ein und erzwang, nein ersang sich Ehrerbietung und strikten Gehorsam seitens Publikums: Ewa Podleś. Man wird sich nicht wundern, wenn einmal ein Ort Podlesandria benannt wird wie einst Alexandria nach Alexander dem Großen. Ewa die Große hätte es verdient.

Anlässlich des Schleswig-Holstein-Musikfestivals und eines Polenschwerpunkts wurde das Amadeus-Kammerorchester des Polnischen Rundfunks samt seiner Gründer-Leiterin Agnieszka Duczmal und der nationalen Vorzeigesängerin Ewa Podleś. Auf dem Programm standen Polnisches und Deutsches auf italienische Art.

Das zahlreich erschienene Publikum im prachtvollen Meldorfer Dom - gefühlsweise im Durchschnitt 60 Jahre alt - war - so sollte sich im Laufe des Abends herausstellen nicht anstandsweise da.

Für die ordentlichen, jedoch wenig mitreißenden Frescobaldi-Variationen des frankophilen polnischens Landsmann Aleksander (Alexandre) Tansman in einer ebensolchen Interpretation der Amadei gab es ordentlichen, wenig mitgerissenen Applaus.

Die Spannung stieg, als die Kontraaltistin die Altarbühne betrat - schließlich waren nicht wenige Angereiste wegen ihr hier.

Sie enttäuschte nicht. Bereits die ersten Silben von Joseph Haydns Luxuskantate "Arianna a Naxos" offenbarten dieses wirklich einzigartigartige Timbre, das sonst bei Frauen nur Parallelen kennt bei Stimmschwergewichten wie Jessye Norman oder Sarah Vaughan als Beispiel einer nicht-klassischen Sängerin.

Zusätzlich verstärkt wurde diese 'voix sacré' durch den Sakralbau. Die hervorragende wie schwierige Akustik des Gotteshauses - wie der Gemeindevorstand in zum Konzert hervorhob - verlieh Ewa Podleś' Stimme eine besondere Nachhaltigkeit (und Nachhalligkeit, wenn das Wortspiel erlaubt ist). Bei der Ariadnenkantate fand dies in einer perfekten Symbiose statt.

Die teils monströsen Töne, die die Sängerin zum Vergnügen der Zuschauerschaft teilweise von sich gab, trafen tief ins Mark. Zwar liegt bereits eine Aufnahme dieses Werks von ihr - ebenfalls aus polnischer Hand - vor, doch die Meldorfer Fassung - zumal live und mit diesem Klang gehört - eröffnet eine neue Dimension. Vielleicht ist sie gar vom Typ her gar keine Ariadne mit ihrer - ganz positiv - maskulinen Stimme, doch ist sie es in Ausdruck und Gestaltung allemal. Seinen Gipfel erreichte dies, als sie "Teseo" aus voller Brust herausstieß. Da blieb im Saal kollektiv der Atem für einige Sekunden weg. Ungehörtes, nicht für möglich Gehaltenes, hier war es!

Die mit frenetischem Applaus, untersetzt mit vielen Brava-Rufen, quittierte Leistung markierte wahrscheinlich den Höhepunkt des Abends.

Die zwei Händel-Arien, die nach der kurzen von der Abenddämmerung untermalten Pause folgten, waren dagegen etwas durch die hallige Akustik und auch durch die altersbedingt verminderte Koloraturfähigkeit der nun 58-jährigen Künstlerin beschränkt. Dennoch konnte sie sich hier als eine der führenden, wenn auch von breiten Teilen der Presse verschwiegene Interpretin des Hallenser Meisters beweisen. Zu recht und ganz ehrlich forderte das Publikum mehr. Es wurden am Ende drei Zugaben. Und alle drei Volltreffer - auf meiner persönlichen Favoritenliste ohnehin.

Ihre Purcell'sche Dido in Form der Todesarie "When I am laid in earth" war eine gereiftere im Vegleich zu einer früheren Aufnahme. Hier haben sich Interpretation, Werk und Ort zur Perfektion vereint.

Als Zugaben Nr. 2 und 3 fungierten zwei Rossini'sche Schlachtrösser. Isabellas augenzwinkernder Klagesang "Cruda sorte" war 'business as usual' - auf hohem Niveau. Die mir aus Ewa Podleś' Goldkehle unbekannte "Canzona espagnola" versah sie mit der ihr eigenen Verve und beendete damit - weitere Zugaben wurden auf humorige Weise vor diesem Stück ausgeschlossen - ihren Beitrag zum Gelingen dieses Abends. Aufgabe mehr als erfüllt.

Der folgenden Konzertserenade von Mieczyslaw Karlowicz wurden von Orchester und Chefin charmant gestaltet, so dass auch hier drei Zugaben angeschlossen wurden, darunter eine sehr flotte, zu flotte, da Nuancen einebnende Version der "Wilhelm Tell"-Ouvertüre. Somit konnten die Instrumentalisten doch noch aus dem Schatten der großen Ewa treten, wenn auch bei den Anwesenden doch nur die Kontraaltistin im Gedächtnis und im Herzen blieb.

Wer es verpasst hat.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Andre,

Danke sehr fuer ihre Blog!

Ich erlebte Ewa am Donnerstag im Kiel
und Ewa war phenomenal.

Dank ihre Blog kann ich nun lesen wie es war am Samstagabend.

Danke sehr sehr sehr !! fuer ihre
"wer es verpasst hat"

grusse
Chris