Dienstag, 18. Mai 2010

Von Sängerin zu Fans

Whitney Houston in der O2 World, Hamburg am 17. Mai 2010

Eine Sängerin innerhalb von fünf Tagen dreimal zu sehen und jedes Mal dabei ein anderes Erlebnis zu haben, das ist eine erhebliche Leistung – von Seiten des Künstler wohlgemerkt. Aber man muss sich darauf einlassen, die Kunst verstehen wollen. Wer dazu bereit war, erlebte in Hamburg eine Sensation.

Trotz weiterhin bestehender Heiserkeit hat die Sängerin in Hamburg eine grandiose Leistung abgeliefert. Was hat man an diesem Abend gehört und gesehen? Eine Sängerin, die brillante Töne gezaubert hat, die immer noch einen beeindruckenden Stimmumfang besitzt trotz eingeschränkter Flexibilität. Das konnte sie gestern in der Hamburger O2 World beweisen.

Bei "I Look To You", das mittlerweile zu einer ihrer großen Hymnen geworden ist, ohne jemals ein Hit gewesen zu sein, zauberte sie wie ein Magier das Kaninchen aus dem Zylinder eine Stimme aus ihrem Körper, die man ihr fast schon nicht zugetraut hatte. Die bisher wohl beste Version dieses Liedes und – Fan oder nicht – ein vokaler Geniestreich.

Der Videobeweis:

Überhaupt hat sie in dem Konzert gekämpft und oft gewonnen. Sie hat ihre Stimmbänder an die Grenzen gedehnt. Dass sie immer noch die beste Kopfstimme unter den Pop-Sängerinnen besitzt, hat sie mehr als hinreichend bewiesen. Und dass sie eine reiche Tiefe dazugewonnen hat, mit der sie wohl mehr spielen würde, wäre sie von vielen nicht als unweiblich angesehen, auch.

So gut sie auch in der Hansestadt gesungen hat, der Höhepunkt war dann doch wieder etwas Zwischenmenschliches. Eine ältere Dame, die in der ersten Reihe saß und Whitney ganz deutlich ihr Wohlgefallen gezeigt hatte, rückte in den Mittelpunkt, als die Sängerin bei dem Gospelteil ihres Konzerts angekommen war. Sie ließ die Kamera auf die Dame richten und verkündete, dass sie "I Love The Lord" nur für sie singen würde. Denn Menschen wie sie seien der Grund, wieso sie auf der Bühne stünde. Bewegende, weil wahre Worte, die an einem Fan nicht spurlos vorbeigehen konnten, vor allem angesichts einer Presse, die unverblümterweise für sich beansprucht, die wahren Fanmeinungen wiederzugeben. Nur einige Sitze entfernt stand das ganze Konzert über ein kleines Mädchen. Diesen Altersunterschied bei den Fans der Sängerin ließ sie nicht unkommentiert – auch nicht ganz ohne Stolz.

Am Ende blieb ein emotional bewegter Abend und eine Sängerin, die alles gab und oft, viel öfter als man ihr zubilligt und andere im Stande sind, ins Schwarze traf. Eine Sängerin, die, wie sie in dem Tourprogramm schreibt, diese Tour nur für ihre Fans macht. So idyllisch ist vielleicht alles dann doch nicht, aber gefühlt war dieses Konzert nur von Sängerin zu Fans.

Der Audiobeweis:

WH in HH, 17. Mai 2010 from Der Atlas on Vimeo.