Die Frage nach dem Dürfen ist immer eine nach dem Wollen. Denn was der eine aus eigenem Empfinden heraus dürfen soll, ist das, was man von demjenigen will. Spricht man jemandem ab, etwas zu dürfen, so will man nicht, dass er es darf. Ob derjenige es kann, ist eine andere Sache.

So stellst sich eigentlich gar nicht die Frage, ob jemand überhaupt eine bestimmte Musik singen darf. Denn erlaubt ist, was gefällt, sagte schon der alte, aber jung gebliebene Goethe.
Dies trifft auf die vorliegende CD der amerikanisch-kosmopolitischen Sängerin Barbara Hendricks ganz besonders zu. Sie spaltet die Musikwelt in Barbarianer und Barbaren. Was ist an einer Opernsängerin, die Jazz singt, so kontrovers?
Schon immer gab es in der feinen Welt der Klassik Vorbehalte gegen klassische Sänger, die auch das vermeintlich minderwertige Populärliedgut gesungen haben. Man denke nur an Eileen Farrell, die es sich nicht nehmen ließ, neben den schwersten Arien der Klassischen Tradition auch die leichtesten Gassenhauer des American Songbook zu singen. Ihrer Popularität unter den Fans hat es nicht geschadet, unter den "hohen Nasen" allerdings schon. Nun war Jazz zu Eileen Farrels Zeiten (vor allem 40er bis 60er Jahre) noch ein populärer Musikstil. Das ist er mittlerweile nicht, wenn man von dem formelhafte Popswinggesäusel à la Michael Bublé, Roger Cicero und Robbie Williams absieht. Und nun hat Frau Farrell Jazz anders gesungen als ihre Arien, hier eine klare Linie in der Technik gezogen. Dies tun heutzutage die wenigsten Opernsänger, die sich auch am Jazz versuchen. So auch Barbara Hendricks.
Deswegen ist schon von vornherein, diese Art von Jazz eine Geschmackssache und für Jazzpuristen wohl unerträglich. Hinzu kommt die vom Alter und Tremolo gezeichnete Stimme der Sängerin (Jahrgang 1948), die sich auf der 2008 produzierten und erschienenen Platte verströmt. Das muss man alles berücksichtigen, bevor man ein faires Urteil über dieses Werk treffen will.
Von einem namhaften Musikkritiker durfte ich mir anhören, wie schlecht die Platte doch sei und wieviel die Stimme der Sängerin doch zu wünschen übrig lasse. Alles wohl wahr. Doch ist diese Platte ein Projekt des Herzens der Sängerin und für Fans der Sängerin gedacht. Sind einem die Hürden, die sich auf dem Weg zum Genuss des Albums stellen, nicht zu hoch, so wird man dort auch ankommen. Hier trennt sich die Spreu von Weizen, der Barbarianer vom Barbaren. Barbar verstanden im wahrsten Sinngehalt als "Fremder", Fremder in der Kunst der Barbara Hendricks.
Was steckt nun hinter der Idee des Albums? "Barabara Sings the Blues" heißt dieses und spielt an auf "Lady sings the Blues", den Titel der Semiautobiographie der legendären Jazzsängerin Billie Holiday (1925-1959) und eines biographischen Films über die Sängerin mit Diana Ross in der Titelrolle, für die die Schauspielerin sensationellerweise eine Oscarnominierung erhielt. Und eben jener Jazz- und gar-nicht-Blues-Sängerin mit dem Spitzdamen Lady Day ist das vorliegende Album gewidmet. Auf 13 Stücken vereint es einige der besten Lieder, die Billie Holiday zu Lebzeiten popularisiert hat. Dazu gehören Klassiker wie mein Holiday-Favorit "Don't Explain" oder das unverwüstliche "God Bless the Child".
Hendricks liefert – es sei vorweggenommen –zu keinem der Lieder eine Referenzinterpretation ab. Zu gezogen ist ihre Phrasierung zuweilen, so zu hören bei der Eröffnungsnummer "Lady Sings the Blues". Manchmal ist dies aber gerade die Stärke der Sängerin. Sie übereilt nichts. Sie lässt jeden Buchstaben und jeden Ton auf ihren Stimmbändern zergehen und wir auf unseren Zungen. Ein gutes Beispiel dafür ist "My Man", der ursprünlich französische Klassiker.
Natürlich tut der ein oder andere Ton, der daneben geht, der tremolosatte Gesang ab und an auch den Ohren des Hörers weh. Technisch perfekter Gesang hört sich anders an. Aber darum geht es gar nicht. "Barbara sings the Blues" heißt das Programm und man wird nicht enttäuscht. Man bekommt sehr viel "Blues" – neben vielen blauen Noten auch viel Seele von der Sängerin, die unter die Intellektuellen genauso gut hätte gehen können wie unter die Sänger.
Diese Zusammenstellung liebt man nur, wenn man Barbara Hendricks liebt. Und in all der technischen Imperfektion steck auch die ein oder andere Perle. Einfach herrlich, wie sie "Billie's Blues – I Love My Man" zersingt. Oder wie sie "Mood Indigo" mit Scat-Gesang ausfüllt. Wenn sie "Tell Me More and More (and Then Some)" singt, da möchte ich ihr zurufen: "Sing me more and more (and then some)". Den Swing hat sie auch in dieser Nummer. "Trouble in Mind" entwickelt sie von einem getragenen zu einem mitreißenden Stück. Bei "Don't Explain" kann sie der großen Holiday natürlich nicht das Wasser reichen, an mancher Stelle wirkt das Lied zu zerdehnt, eher eine Schwachstelle der Zusammenstellung, was auch an meiner hohen Messlatte für die Nummer liegt. "You've Been a Good Old Wagon" gestaltet Barbara Hendricks hingegen sehr farbenreich und mit der nötigen Verve.

Rein instrumental geht es hingegen bei "What a Moonlight Can Do" und "Allhelgonablues" zu. Das Quartett bezwingt den Loop im ersten Lied meisterhaft, im zweiten widerlegt es die Behauptung, dass es sich um einen Blues handelt, und verwandelt ihn in ein Zirkusstück. Dem "Downhearted Blues" verleiht Hendricks dagegen den nötigen Herzschmerz und Dreck. Das ist eine der Stellen, wo man fast vergisst, dass sie eigentlich aus einem anderen Bereich kommt.
Ein musikalischer Lackmustest ist ohne Frage "God Bless the Child", ist dieses Lied doch im Jazz genauso populär wie in der Popmusik (die Interpretationen reichen von "American Idol"-Kandidaten über Lisa Simpson bis hin zu Whitney Houston). Und hier zeigt sich eben eine gute Interpretin, nicht unbedingt eine überragende Jazzsängerin.
Diese Frau hat das, was vielen technisch einwandfreien Sängern oftmals fehlt: Gefühl und Verstand. Wer von ihrer Interpretation des Anti-Rassismus-Lieds "Strange Fruit", das gehängte Schwarze mit seltsamen Früchten vergleicht, nicht berührt und zum Mitsummen verleitet wird, der ist hier wahrlich falsch. Der ist fürwahr ein Barbar.
Eine hochrythmische, hochmusikalische Sängerin, die hier am Werke ist. Nein, diese Frau muss Jazz singen. Dies steht fast nach der knappen Stunde, die diese CD bietet.
Nicht verschwiegen werden dürfen die schwedischen Musiker des Magnus Lindgren Quartet, die Barbara Hendricks gekonnt durch das Programm begleiten. Bei ihnen ist keine Kontroverse angesagt. Sie sind durch und durch Jazzmusiker und tragen dieses Einspielung mit der Sängerin auf eine Ebene, mit der zwar wenige etwas anfangen können. Eine Kunst, die keine Hörer zu sucht. Hier sind die Zuschauer die Musiker. Wie sagte Goethe? ... was gefällt!
Unmusikalisch, aber dennoch erwähnenswert ist das liebevoll, ja meisterlich gestaltete französisch-englische Beiheft. Es enthält neben einer Einführung zum Programm und Bildern von den Musikern auch ein Interview mit Barbara Hendricks und Magnus Lindgren und Zeichnungen der Musiker. Die CD kommt in einem kleinen Büchlein daher. Liebe steckt hier hier also überall drin.
Trackliste:
1. Lady Sings The Blues
2. Tell Me More and More (and Then Some)
3. Trouble in Mind
4. Don't Explain
5. My Man
6. You've Been a Good Old Wagon
7. God Bless the Child
8. What a Little Moonlight Can Do (Instrumental)
9. Billie's Blues – I Love My Man
10. Mood Indigo
11. Downhearted Blues
12. Allhelgonablues
13. Strange Fruit
Playliste mit Videos von Aufnahmen zu der CD vom offziellen YouTube-Konto von Barbara Hendricks' Label Arte Verum:


1 Kommentare:
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- Murk
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