Sonntag, 14. Februar 2010

Das ewige leise Zittern

Künstlerin des Monats & Platte des Monats: "Working Girl – The Very Best Of" von Helen Schneider

Es ist ein altes Lied: Wahre Talente werden oft zu Gunsten von falschen oft vernachlässigt. Helen Schneider, die trotz allem eine (immer noch andauernde) beachtliche Karriere genießen durfte, zählt mit Bestimmtheit zu dieser Kategorie. Wie so oft hat aber die kommerzielle Nichtbeachtung einen, wenn auch nicht gerechten Grund: Es fehlt oft das federleichte Hit-Material und der Künstler lässt sich nur schwerlich in eine Schublade stecken. Denn wer in keine Schublade passt, kommt auch nicht in den Plattenschrank.

Aber sei's drum. Helen Schneider braucht sich nicht zu beschweren. In ihrer über 30-jährigen Laufbahn hat sie so manches erreicht, so manchen Hit gehabt ("Rock'n'Roll Gypsy" war 1981 in den deutschen Top 10) und vor allem musikalische Experimente nach ihrem Geschmack unternommen.

Es wurde also Zeit Bilanz zu ziehen. Die im Oktober 2009 veröffentliche Best-of-Platte "Working Girl" tut dies auf ganz hervorragende Weise. Die bei Edel erschienene CD vereint Helen Schneiders breites Schaffen über die Jahre. Das fängt bei dem 1979 live in Hamburg aufgenommenen "Valentino Tango" und endet bei "Dream a Little Dream of Me" aus dem gleichnamigen und aktuellstem Studioalbum der Sängerin. Die Bandbreite reicht von Rock über Musical bis hin zu Jazz in allen Nuancen.

Was diese Zusammenstellung so besonders macht ist neben des stilistischen Regenbogens die ihn bedingende stimmliche und unterpretatorische Wandlungsfähigkeit der Sängerin. Sie besitzt keine besonders umfangreiche Stimme, keine besonders voluminöse, keine außergewöhnlich sattelfeste, aber eine unverschämt schöne, direkte Stimme. Ob sie fast schon Yoko-Ono-haft "Mackie Messer" seziert, den Lloyd-Webber-Schmachtfetzen "The Perfect Year" hinwirft oder "Angry Times" rausrotzt, sie schlüpft gekonnt in die verschiedenen Rollen. Immer bleibt dieses ewige leise Zittern in der Stimme, dieses Vibrato, das ihre Stimme so einmalig macht. Die Stimme hat sich hervorragend gehalten. Auch auf den neueren Aufnahmen hört sich die Stimme der mittlerweile 59-Jährigen frisch an, ohne dabei die Spuren des Alters leugnen zu können.

Man höre sich nur das leicht dahingehauchte "Dream a Little Dream of Me" an, das von Till Brönner produziert wurde. Oder das auch von Cher gesungene "Working Girl". Oder das heiße "Hot Summer Nites". Sie kann in der Intensität ihres Vortrags fesseln, ohne dabei als eine der großen Stimmdiven aufzutreten. Die Grenzen ihrer Stimme kennt sie nur allzu gut, ohne dass sie Angst gehabt hätte, bis an diese zu gehen. "The Perfect Year" aus dem Musical "Sunset Boulevard" (nach dem gleichnamigen Billy-Wilder-Film) zerrt schon sehr an ihren stimmlichen Möglichkeiten, verlangt doch eine Andrew-Lloyd-Webber in der Regel ein operettenfähige Stimmstützung. Helen Schneider singt – wie ich zu sagen pflege – an der Grenze, man fürchtet, gleicht gleitet die Stimme ab, aber sie rettet sich durch dieses ewige leise Zittern.

Für mich das wohl frechste Lied auf der Platte ist "Angry Times". Sie singt von "bösen Zeiten". Rock-Musik, die zur Abwechslung mal auch schon gesungen wird. Wer hätte dies gedacht, als sie 1978 bei Alfred Bioleks Sendung "Bios Bahnhof", des Deutschen nicht mächtig, Schuberts "Heideröslein" sang?


Nicht unberücksichtigt werden dürfen natürlich auch die Rockballaden. Ob das hymnenhafte "It Doesn't Matter" oder das beschwörende "Didn't We Try". Also auch noch eine herausragende Balladensängerin? Ja, dies und viel mehr.

Nach dieser Reise durch 30 Jahre Musikgeschichte am Beispiel einer jüdisch-deutschstämmigen amerikanischen Sängerin, die ihre hauptsächlich in Deutschland stattgefundene Karriere Alfred Biolek und Udo Lindenberg verdankt, weiß man, es geht weiter und es wird überraschen. Diese fast als perfekt zu bezeichnende Zusammenstellung (einiges fehlt dann doch, was aber nicht noch auf diese eine CD gepasst hätte) stellt eine Künstlerin vor, die nicht jeder kennt, aber jeder lieben wird. Man kann es zumindest hoffen. Es ist ja ein altes Lied.

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1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das war ein schöner Artikel zu lesen, danke für sie.