Dienstag, 29. Dezember 2009

So klang 2009

Rückblick auf das musikalische Jahr 2009

Es sei vorweg genommen, dass 2009 für mich das wohl aufregendste Musikjahr in meinem bisherigen Leben war. Ich habe Konzerte erlebt, die mich verändert haben. CDs sind herausgekommen, auf die ich seit langer Zeit gewartet habe und die meine Sicht auf Musik auf den Kopf gestellt haben. Aber alles der Reihe nach.

Begonnen hat das Jahr mit Georg Friedrich Händel. Ihm zu Ehren erschienen in diesem Jahr und bereits im Vorjahr einige interessante Aufnahmen. Eine der von mir am gespanntesten erwarteten war die von Vesselina Kasarova, die 2008 unter dem Titel "Sento Brillar" erschien. Für mich ein gelungenes Paket einer großartigen Sängerin. Dass ich diese Ende November bei einem Liederabend in Dresden erstmals live erlebt habe, hat für mich das Bild von dieser Ausnahmekünstlerin vervollständigt. Händel blieb auch im Verlauf des Jahrs Thema: ob in einem Essay zu der Aktualität seiner Musik oder in weiteren Plattenrezensionen.

Weiteres Spitzenthema des Jahres war die deutsch-französische Sängerin Patricia Kaas. Erst war sie die Künstlerin des Monats, dann ihr Konzert im Leipziger Gewandhaus, dann ihr Gänsehautauftritt beim Grand Prix in Moskau, schließlich ihr herausragendes Livealbum zur Kabaret-Tour. Patricia Kaas ist eine der großen, von der hoffentlich auch 2010 viel zu hören und sehen sein wird.

Das beste klassische Konzert war ohne Frage das von Christina Pluhar und Freunden im Potsdamer Nikolaisaal im April. Hier ging es um Musik, um Gefühle, darum, den Menschen das zu geben, was Leben und Liebe heißt. Ein unvergeßlicher Abend.

Auch Jessye Norman war Mittelpunkt zahlreicher Beiträge: ob ihr Interview mit Reinhold Beckmann, ihr Auftritt bei Götz Alsmann, ihr triumphales Konzert im Gewandhaus oder ihr sensationelles Live-Album "Roots". Jessye Norman ist immer noch unerreicht und eine Primadonna, mit der man immer noch rechnen darf und muss.

Leider barg das Jahr 2009 nicht nur Erfreuliches: Der Tod von Michael Jackson war nicht nur ein lukratives Nebengeschäft, er war auch für viele Menschen wie mich ein erschütterndes Ereignis, das das Ende einer Ära bedeutete. Möge der König der Pop-Musik in Frieden ruhen!

Einer anderen bereits 1994 verstorbenen Sängerin widmete ich dieses Jahr einige Beiträge. Es ist die für mich größte klassische Sopranistin überhaupt: Lucia Popp. Sie wäre dieses Jahr 70 Jahre alt geworden.

Die Sängerin des Jahres ist aber für mich ganz ohne Frage Whitney Houston. Die Königin des Pop-Gesangs ist mit einem handwerklich perfekt durchgestylten Album – I Look To You" – zurückgekehrt. Ihre stimmliche Entwicklung geht in die richtige Richtung. Sie kehrt den dunklen Zeiten ihres Lebens immer weiter den Rücken, so als ob sie nie weg gewesen wäre. Die Königin ist wieder zurück und wir sind ihre Untertanen. Das kommende Jahr kann nur gar besser werden mit einer großen Welttournee, die an dieser Stelle noch oft Thema sein wird. Alle preisen die Königin, ich tue dies zumindest.

Die besten Platten des Jahres 2009
01. Whitney Houston: "I Look To You"
02. Patricia Kaas: "Kabaret live aus Casino de Paris"
03. Jessye Norman: "Roots – My Life, My Song"
04. Barbra Streisand: "Love is the Answer"
05. Conradi: Ariadne
06. Vesselina Kasarova: "Passionate Arias"
07. Roberto Fonseca: "Akokan"
08. Isabel Bayrakdarian: "Cleopatra"
09. Alexandra: "Stimme der Sehnsucht"
10. Isabel Bayrakdarian singt Lieder von Pauline Viardot Garcia

Die wöchentlichen Top 5 konnten dieses Jahr nicht berücksichtig werden, da erst seit der Woche 48/2009 die Platzierungen notiert werden. Sie werden für 2010 angerechnet.

Die besten Konzertelebnisse 2009
1. Christina Pluhar, L'Arpeggiata, Philippe Jaroussky, Lucilla Galeazzi, Gianluigi Trovesi: Potsdamer Nikolaisaal
2. Whitney Houston in der Freiburger Messe bei "Wetten, dass ..?"
3. Jessye Norman im Leipziger Gewandhaus
4. Patricia Kaas im Leipziger Gewandhaus
5. Vesselina Kasarova in der Dresdner Semperoper

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Im Schoß der Göttin des Gesangs

Platte des Monats: "Roots: My Life, My Song" von Jessye Norman

Fast ein ganzes Jahrzehnt mussten wir auf etwas Neues von der Megadonna auf Platte warten. Zuletzt erschien eine CD mit Chansons von Michel Legrand im Jahr 2000. Eine herrliche Platte war das. Sie knüpft jetzt nahtlos daran an. Wieder gibt es keine streng klassische Kost, sondern Populäres, Traditionelles. Aber die Spannung sei gleich Anfang genommen: Noch nie hat sich eine klassische Sängerin auf diesem gebiet so erfolgreich bewährt.

Der Titel "Roots" weist darauf hin, dass Jessye Norman hier ihren afro-amerikanischen Wurzeln gedenkt. Und wir gedenken mit und erleben ein vokales und sinnliches Feuerwerk.

Ich habe sie mit einem der CD recht ähnlichen Programm dieses Jahr bereits erlebt, bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich allerdings um Mitschnitte aus München, Frankfurt und vor allem Berlin. Jene umfasst zwei CDs und ist damit im wahrsten Sinne des Wortes abendfüllend. Allzu gern hätte ich manche der Delikatessen, die sie uns hier serviert, auch in Leipzig live gehört.

Allein der Umstand, dass wir sie zum ersten Mal auf natürliche Weise singen hören, ist den Kauf dieser Platte wert. Nina Simones "My Baby Just Cares for Me" hat man so mächtig, so prachtvoll noch nie gehört. Dabei klingt Jessye Normans natürliche Stimme ganz ähnlich der von Nina Simone, nur viel luxuriöser. Von vielen Sängerinnen meint man, zu wissen, dass sie auch gute klassische Sängerinnen geworden wären. Bei Jessye Norman weiß man jetzt, dass sie auch eine grandiose Jazz- oder gar Popsängerin geworden wäre.

Sie zelbriert jedes Lied mit ihrer fast kindlichen, gar ansteckenden Lust. Da geraten, vor allem wenn sie klassisch singt, manche Töne durcheinander, mancher altersbedingte Makel wird deutlich, aber nie verliert sie das Lied aus den Augen. Wahrscheinlich ist Jessye Norman nicht einmal eine besonders gute Interpretin – arg affektiert war sie ja schon immer –, sie hat einfach diese unglaubliche, diese göttliche Stimme, die man anbetet und vor Ehrfurcht heilig spricht.

Ob sie Spirtiuals singt ("Another Man Gone Don"), ob Klassisches von Poulenc ("Les Chemins de l'Amour"), den Josephine-Baker-Schlager "J'ai deux amours", den Mackie-Messer-Song, eine verjazzte Habanera (für die frenetische Applaus erntet) oder den Swing-Klassiker "It Don't Mean A Thing", immer fühlt man sich geborgen im Schoß dieser Göttin des Gesangs. Man fragt sich: Mussten es wirklich zehn Jahre sein? Wieso hat sie sich so lange geweigert, neue Platten herauszubringen? Hatte Sie Angst vor der Presse, die allzu schnell bereit ist, eine Legende zu demontieren? Was immer es war. Mehr, Jessye, bitte mehr, Jessye!

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Freitag, 4. Dezember 2009

Süße Flamme

Neuerscheinung des Monats: Philippe Jaroussky – La Dolce Fiamma

Niemand hat Kontratenöre so stark sozialisiert wie er. Philippe Jaroussky hat mit seiner engelsgleichen Stimme sogar die Herzen derjenigen Menschen berührt, die ansonsten durch männliche Soprane angewidert waren. Mittlerweile gehört er zu den ganz Großen in der Klassikbranche, nicht nur unter den Kontratenören.

Mindestens einmal im Jahr nimmt er ein Rezital auf (dies hier ist das zweite 2009), dazwischen mehrere Gruppenprojekte. Dieses Jahr – pünktlich zur Weihnachtszeit – hat er eine Platte mit unbekannten Arien von Johann Sebastian Bachs jüngstem Sohn Johann Christian Bach herausgebracht. Es ist ein löbliches Projekt, denn trotz etlicher Versuche, den Sohn von ... musikalisch zu rehabilitieren, fristet er doch bis heute ein Schattendasein. Vielleicht leitet Jaroussky ja eine Wende ein, so wie es Cecilia Bartoli damals mit Antonio Vivaldi geschafft hat. Denn verdient hätte es Bach junio auf jeden Fall. Der Komponist, der zwischen Händel und Mozart steht, hat weder das Genie des einen noch des anderen, aber er hat Handfestes, Hörenswertes komponiert, das auch heute angesichts der Renaissance barocker Musik seinen Platz hätte.

Will man über herausragende Stücke der vorliegenden Zusammenstellungen reden, fällt es einem nicht so leicht. Denn weder verfügen seine langsamen Stücke über die Erhabenheit eines Händels noch verfügen seine Bravourstücke über die Kantabilität eines Mozarts. Aber in allem hört man die beiden Meister heraus, bei Händel nach, bei Mozart voraus. Die Kompositionen sind alle sehr angenehm im Ohr, aber sie entfliehen diesem auch sehr leicht. Sie sind für einen kurzweiligen Abend geeignet, für das ganze Leben eher nicht. Ein bedingtes, aber ein starkes Ja für Bach also dennoch.

Jarousskys stimmliche Leistung auf dem Album ist wie stets ein Genuss und keiner Kritik zugänglich. Er wird bei den Nummern aber auch nur sehr wenig gefordert. Sein Händel-Rezital vom vergangenen Jahr war da eindrücklicher. Wenn er aber gefordert wird, wie bei "Tutti nemici, e rei" dann hat er diese "süße Flamme" (CD-Titel), die lodert und an der wir uns gerne wärmen.

Jaroussky wird ausgezeichnet von Jérémie Rhorers Ensemble Le Cercle de l'Harmonie begleitet. Die Deluxe-Edition in Büchleinform enthält einreich bebildertes Beiheft mit vielen Informationen inklusive eines kurzen Beitrags des Sängers. Dieses Rezital ist kein Muss, aber Freunde des schönen Gesangs, die nicht zwischen Männer- und Frauengesang unterscheiden wollen, sind hier richtig.

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