
Everybody talking about Heaven
Ain't going there, Heaven
Going to walk all over God's Heaven.
[aus Spiritual "I Got Shoes"]
Legenden haben so etwas an sich: Sie werden im Laufe der Zeit verklärt, es bildet sich ein Mythos heraus, das der Wirklichkeit oft kaum standhalten kann. Die legendäre Person wird so weit in die Höhe gehoben, dass man nur noch von der Sonne gebelendet wird.
So ist es auch bei Jessye Norman. Was hörte man nur über diese Megadonna des klassischen Gesangs? Aber die Platten, die jeder Klassikfreund kennt, belegen: Die Legende hat ihren Grund. Was für einen Klang hört man da! Keine Sängerin hat so gesungen wie sie. Keine so einen fließenden Strom aus Tönen gezaubert wie die Amerikanerin. Ihre Interpretationen der Richard-Strauss-Lieder sind bis heute unerreicht. Ihre Fidelio-Leonore ein Traum für jeden Melomanen.
Und nun? Natürlich hat sie nicht mehr die Stimme, die ihren erwähnten Aufnahmen und vielen anderen mehr zu so einem einmaligen Ruhm verschafft haben. Das jede Stimme zerfressende Tremolo hält sie aber noch unter Kontrolle. Die Stimmbildung ist jedoch nicht mehr so fehlerfrei. Die Stimme kracht an der ein oder anderen Stelle. Den großen Bogen hat sie trotzdem immer noch drauf. Die Verzauberung des Publikums ebenfalls. Sie wirkt immer noch ein wenig affektiert, doch dies ist verbunden mit Kontrolle und Professionalität.
Und so ist der Liederabend im Leipziger Gewandhaus zu einem Erlebnis geworden, dessen Kaliber diese Stadt so schnell nicht wieder sehen wird. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Leipziger Publikum – der Saal war nur zur Hälfte ausverkauft, einen Benimmfehler einiger Zuhörer strafte die Diva mit einem Blick der Verachtung –, wurde Jessye Norman mit frenetischem Beifall, mit mehreren stehenden Ovationen und mit vielen Geschenken aus dem Publikum aufgenommen in die Ruhmeshalle der Musikgötter.
Das Programm, das aus Klassikern der amerikanischen Musik bestand, lag genau in dem Bereich, in dem Jessye Normans Stimme immer noch brillieren kann. Vor allem bei den Spirituals (das a cappella gesungene "Another Man Gone Done" sei als besonders eindringend zu nennen) war sie in ihrem Element. Bei Duke Ellington allerding bewies sie, dass sie auch ohne ihre Vergangenheit eine beeindruckende Sängerin und vor allem Interpretin ist. Die zwei Zugaben, "Solitude" und das unvermeidbare "Summertime" erhob die Sängerin noch einmal zum Triumph.
Die Zuschauerin, die in der Zwischenpause dem "Monstre sacré" attestiert hatte, dass sie nicht mehr die Jüngste sei (ein Blick in Wikipedia hätte gereicht: Frau Norman ist Jahrgang 1945) und die in der großen Pause gegangen war, hat ein großartiges Konzert verpasst. Pech für sie, Glück für das Publikum, das geblieben war und das aus erstaunlich vielen jungen Menschen bestand. Vieilleicht wollte die Generation endlich das erleben, was ihnen Netrebko und Garanca nicht geben können: ein Stück Himmel.


