Montag, 26. Oktober 2009

Ein Stück Himmel

Jessye Norman und Mark Markham im Gewandhaus Leipzig am 26. Oktober 2009

Everybody talking about Heaven
Ain't going there, Heaven
Going to walk all over God's Heaven.

[aus Spiritual "I Got Shoes"]

Legenden haben so etwas an sich: Sie werden im Laufe der Zeit verklärt, es bildet sich ein Mythos heraus, das der Wirklichkeit oft kaum standhalten kann. Die legendäre Person wird so weit in die Höhe gehoben, dass man nur noch von der Sonne gebelendet wird.

So ist es auch bei Jessye Norman. Was hörte man nur über diese Megadonna des klassischen Gesangs? Aber die Platten, die jeder Klassikfreund kennt, belegen: Die Legende hat ihren Grund. Was für einen Klang hört man da! Keine Sängerin hat so gesungen wie sie. Keine so einen fließenden Strom aus Tönen gezaubert wie die Amerikanerin. Ihre Interpretationen der Richard-Strauss-Lieder sind bis heute unerreicht. Ihre Fidelio-Leonore ein Traum für jeden Melomanen.


Und nun? Natürlich hat sie nicht mehr die Stimme, die ihren erwähnten Aufnahmen und vielen anderen mehr zu so einem einmaligen Ruhm verschafft haben. Das jede Stimme zerfressende Tremolo hält sie aber noch unter Kontrolle. Die Stimmbildung ist jedoch nicht mehr so fehlerfrei. Die Stimme kracht an der ein oder anderen Stelle. Den großen Bogen hat sie trotzdem immer noch drauf. Die Verzauberung des Publikums ebenfalls. Sie wirkt immer noch ein wenig affektiert, doch dies ist verbunden mit Kontrolle und Professionalität.

Und so ist der Liederabend im Leipziger Gewandhaus zu einem Erlebnis geworden, dessen Kaliber diese Stadt so schnell nicht wieder sehen wird. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Leipziger Publikum – der Saal war nur zur Hälfte ausverkauft, einen Benimmfehler einiger Zuhörer strafte die Diva mit einem Blick der Verachtung –, wurde Jessye Norman mit frenetischem Beifall, mit mehreren stehenden Ovationen und mit vielen Geschenken aus dem Publikum aufgenommen in die Ruhmeshalle der Musikgötter.

Das Programm, das aus Klassikern der amerikanischen Musik bestand, lag genau in dem Bereich, in dem Jessye Normans Stimme immer noch brillieren kann. Vor allem bei den Spirituals (das a cappella gesungene "Another Man Gone Done" sei als besonders eindringend zu nennen) war sie in ihrem Element. Bei Duke Ellington allerding bewies sie, dass sie auch ohne ihre Vergangenheit eine beeindruckende Sängerin und vor allem Interpretin ist. Die zwei Zugaben, "Solitude" und das unvermeidbare "Summertime" erhob die Sängerin noch einmal zum Triumph.

Die Zuschauerin, die in der Zwischenpause dem "Monstre sacré" attestiert hatte, dass sie nicht mehr die Jüngste sei (ein Blick in Wikipedia hätte gereicht: Frau Norman ist Jahrgang 1945) und die in der großen Pause gegangen war, hat ein großartiges Konzert verpasst. Pech für sie, Glück für das Publikum, das geblieben war und das aus erstaunlich vielen jungen Menschen bestand. Vieilleicht wollte die Generation endlich das erleben, was ihnen Netrebko und Garanca nicht geben können: ein Stück Himmel.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Die Stimme der kleinen Sachen

Zum Tod von Mercedes Sosa (*09. Juli 1925, †04. Oktober 2009)

Sie war die Stimme Argentiniens, die Stimme Lateinamerikas. Sie hat für die Freiheit gesungen, wenn sie sich auch immer als unpolitische Sängerin bezeichnet hat. Doch allzu oft hat sie in ihren Liedern die Missstände in ihrem Heimatkontinent besungen. Oft hat sie vom Leben der Indios gesungen. Immer hat sie aber auch von der Schönheit und Traurigkeit des Lebens gesungen.

"Gracia a la vida" hieß ihr berühmtestes Lied. Darin dankt sie dem Lieben für alles, was es ihr gegeben hat. Mit dem Tod der Sängerin müssen wir auch ihr danken, dass sie unserem Leben so viel gegeben hat.

Wer sie nur als politische, für die Freiheit kämpfende Sängerin ansieht, der tut ihr Unrecht. Sie war einfach auch eine herausragende Sängerin, die live fesseln konnte und die eine der klangschönsten Stimmen des 20. Jahrhunderts hatte. Ich verneige mich vor dem Menschen, in erster Linie aber vor der Künstlerin Mercedes Sosa.

Eines ihrer schönsten Stücke war "Canción de las simples cosas". Darin besingt sie die einfachen Dinge des Lebens, die Liebe. Die einfachen Dinge, die uns erst fehlen und bewusst werden, wenn sie weg sind. Mercedes Sosa wurde schon zu Lebzeiten hochgeschätzt und wie eine Heilige verehrt. Es gibt keinen Grund, warum auch nicht sie als so eine "simple cosa" angesehen werden sollte. Sie war kein Stimmwunder, sie war keine Hochintellektuelle, sie hatte keine hohen politischen Ämter inne. Sie hat aber die Welt etwas besser gemacht, mit ihrem Gesang, mit ihrer Musik. Adios, La Negra!

Montag, 5. Oktober 2009

Triumph mit Widerstand

Whitney Houston singt "I Look To You" bei "Wetten, dass ..?" am 03. Oktober 2009

Was macht einen großen Gesangsauftritt aus? Stimme? Musikalität? Bühnenpräsenz? Die Atmosphäre? Die Musik an sich? Wenn alles zusammenkommt, dann kann es sich nur um Whitney Houston handeln. Am Samstag durfte Whitney Houston bei Thomas Gottschalk beweisen, wieso sie immer noch die Messlatte für alle Sängerinnen ist.

Für einen weißen Hosenanzug hatte sich die Sängerin entschieden. Nicht für ein elegantes Kleid, das dem Wesen der Ballade auf den ersten Blick eher entsprochen hätte. Doch Kleidung spielt bei dem Lied, das ein Glaubenbekenntnis, eine Läuterung ist, keine Rolle.

Viel Schlechtes wurde über den Auftritt der US-Sängerin geschrieben. Vieles davon war erfunden, gedeutelt oder einfach niederträchtig. Denn was Whitney Houston an dem Abend in Freiburg geleistet hat, war nichts weniger als eine Wiederkehr einer von Vielen längst Abgeschriebenen.

Sie sang das schwierige, von R. Kelly komponierte Lied "I Look To You" mit aller Inbrunst, mit dem Gefühl, das es verdient. Der Auftritt sollte auch beweisen, dass ihre Stimme nicht zerstört ist, wie es von Vielen geschrieben wurde. Sie meisterte die hohen Töne in der Kopfstimme nicht ohne Anstrengung, aber sie meisterte sie. Wenn man genau hingehört hat, hörte man auch bei ganz alten Auftritten der Sängerin, dass ihr das Singen nie so einfach gefallen ist, wie man zu hören glaubte. Singen ist immer auch Arbeit und es war eine Arbeit der Liebe am 3. Oktober. Die Sängerin nahm schon hinter der Bühne Kontakt zu ihren Fans auf, die zahlreich, aber nicht in Überzahl erschienen waren.

Das, was Vielen als seltsames Benehmen aufgefallen war, war ganz klar als Nervosität, gelöste Spannung und Zurechtfinden mit der Dolmetschsituation zu verstehen. Die Sängerin, die nach eigener Aussage die Drogensucht hinter sich gelassen hat, ist wie viele andere Stars (so auch Michael Jackson) ein eher schüchterner und introvertierter Mensch, dem es viel Kraft abverlangt das Gegenteil in der Öffentlichkeit darzustellen.

Das Einzige, was aber zählt, ist, dass sie endgültig als Livesängerin zurück ist. Dies ist ein Triumph für die Afroamerikanerin und ihre Fans über die Presse und die Öffentlichkeit, die an eine Wiederauferstehung nicht mehr geglaubt und darauf auch nicht gehofft hatten. Dass die Unterlegenen diesen Triumph nicht ohne Widerstand anerkennen würden, ist ebenso logisch wie unmenschlich. Ein Triumph ist es dennoch!

Den Auftritt herunterladen.