
Es ist immer noch Händel-Jahr und es gibt immer noch viel zu entdecken von dem großen Komponisten aus Halle. Selbst wenn es sich bei den Entdeckungen um alte Funde handelt. So bei der vorliegenden Aufnahme. Hierbei handelt es sich um eine 1965 im Wiener Konzerthaus aufgezeichnete Aufnahme der Händel-Oper Serse (dt. Xerxes). In italienischer Sprache wohlgemerkt.
Die Besetzung weist keine Stars auf, wenn man die Sänger nach ihrem damaligen Status beurteilt. Natürlich ist rückblickend die damals blutjunge Lucia Popp ein großer Stern in der Opernwelt. Damals war sie aber noch recht unbekannt und absolvierte ihre ersten Karriereschritte in Wien.
So ist das Ensemble insgesamt auch recht unauffällig. Niemand ragt wirklich heraus. Keiner fällt aber auch im Vergleich zu den anderen markant ab. Es ist keine Frage, dass Lucia Popp durch Namen und ihr unverwechselbares Timbre heraussticht, aber weniger durch ihre Interpretation und Musikalität. Unter ihrem ersten Ehemann Georg Fischer hat sie damals deutlich prägnantere Aufnahmen von Händel-Arien abgeliefert. Dennoch ist die Farbe, die sie in die Oper einbringt, sozusagen eine glockenhelle Deckfarbe, und die sich durch das Werk zieht, eine, die dem Hörer in Form der Xerxes-Tochter Romilda Freude bereitet. Anspieltipp: „Se l’idol mio rapir mi vuoi“ (1. Akt, 14. Szene).
Die kanadische Altistin Maureen Forrester ein technisch souveräner, aber etwas fahler Xerxes, König von Persien. Ihre Version von „Ombra mai fù“ kann nicht gegen die großen Aufnahmen dieser Arie ankommen. Sie hat eine nicht allzu dunkle Stimme, im Timbre verwechselbar, aber im Großen und Ganzen eben nicht schlecht. Anspieltipp: „Se bramate d’amar chi vi sdegna“ (2. Akt, 4. Szene).
Mildred Miller als versprochene Gattin des Xerxes, Amastre, hat einen angenehmen Mezzosopran, ist aber nicht weiter auffällig. Anspieltipp: „Or che siete, speranze, tradite“ (2. Akt, 1. Szene).
Ähnlich verhält es sich mit dem Vasall des Xerxes, Ariodate, der von Thomas Hemsley in etwas doch arg gepoltertem Bariton-Ton gesungen wird.
Sehr schön dagegen ist der Mezzo von Maureen Lehane, die den Bruder des Xerxes, Arsamene singt. Mit rundem und Ton kann sie auf voller Linie überzeugen. Eine beachtliche Entdeckung dieser Aufnahme, wenn auch sie nicht so stark ist, dass man sie nicht mehr vergessen möchte. Anspieltipp: „Sì, la voglio, e la otterò!“ (2. Akt, 9. Szene)
Die Schwester der Romilda, Atalanta, wird von der Sopranistin Marilyn Tyler interpretiert. Mit etwas gequetschtem Ton, aber doch sehr liebevoll und mit lustvollem Zittern in der Stimme. Anspieltipp: „Un cenno leggiadretto“ (1. Akt, 25. Szene).
Elviro, der Diener des Arsamene, wird vom englischen Baßbariton Owen Brannigan verkörpert. Viel zu singen hat er nicht, was er ordentlich, aber doch sehr buffonesk macht. Kein Anspieltipp.
Das Orchester ist – wäre für die damalige Zeit auch sehr außergewöhnlich – kein historisches Orchester. Doch musiziert das Vienna Radio Orchestra (Wiener Rundfunkorchester) und der angeschlossen Chor sehr vergnügt, wenn auch im Klang etwas an Hollywood gemahnend. Brian Priestman hält die Fäden gekonnt in der Hand, kann daraus leider aber keinen Seidenteppich stricken. Insgesamt eine sehr interessante Aufnahme für Nostalgiker. Ansonsten gibt es sicherlich bessere, gesanglich und musikalisch aufregendere Aufnahmen.



