Freitag, 26. Juni 2009

In Memoriam Michael Jackson

Nachruf


Die Welt hat ihren größten Star verloren. Michael Jackson starb am 25. Juni in Los Angeles. Er war wahrscheinlich der größte, berühmteste Star, den die Welt je gesehen hat. Er, der das Wohl der Erde zu seiner persönlichen Verpflichtung erwählt hat, war in dem ärmsten, in dem entlegensten Ort noch ein Star. Dies hat er als Afroamerikaner, dem nun wahrlich nie etwas leicht gemacht wurde, alles seiner einmaligen Musikalität zu verdanken. Sein Vater hat ihn ins Rampenlicht gezehrt und ihm damit seine Kindheit genommen. Aber den Ruhm hat er alleine erarbeitet.

Bei Motown war er mit seinen Brüdern eine wichtige Stütze der Plattenfirma. Ab Ende der 70er hat er mit seinen Rhythmusknallern einen eigenen Stil geprägt, bevor er dann mit „Thriller“, dem meistverkaufte Album aller Zeiten, endgültig zum Megastar wurde. Alles, was danach kam, konnte nicht mehr an diesen Erfolg heranreichen, aber sein Ruhm stieg kontinuierlich und seine Musik blieb auf höchstem Niveau.

Mag er für die Schmeissfliegenpresse angesichts eines turbulenten Privatlebens (die Vorwürfe wegen Kindesmissbrauch haben ihm stark geschadet, er wurde aber vor Gericht freigesprochen) und der häufigen plastischen Operationen nur Futter gewesen, für Freunde der guten Pop-Musik war er nicht der selbsterklärte, sondern der wahre „King of Pop“. Deswegen schließe ich mich Whitney Houston, die Michael Jackson vergöttert hat und umgekehrt, an, die ganz schlicht, aber umso ehrlicher formulierte : „Ich bin voller Trauer.“ ("I am full of grief.")

Dienstag, 16. Juni 2009

Viel Wasser um Haydn

Haydns Nelsonmesse mit dem MDR-Sinfonieorchester im Gewandhaus am 16. Juni 2009

Das Haydn-Jubiläumsjahr ist deutlich leiser als das Händel-Jahr, dabei handelt es sich in beiden Fälle um dasselbe Jahr. 2009 begehen wir zum 200. Mal Joseph Haydns Todestag. Dem Großmeister, den Mozart wie Beethoven verehrt haben, gebührt aber jede Aufmerksamkeit. Deswegen ist es erfreulich, dass das MDR-Sinfonieorchester einem seiner besten, aber auch am seltensten aufgeführten Werke ein Konzert widmet.

Das aber nicht einmal dreiviertelstündige musste sich den Abend natürlich teilen. Aber nicht mit anderen Kompositionen von Haydn, sondern mit einer Uraufführung und einer Repertoireentdeckung.

Der Abend begann mit einer Uraufführung des in Leipzig lebenden Komponisten Daniel Smutny (geb. 1976). Das Werk trug den vielsagenden Titel „Pool of Dawn“. Vielsagend, weil schon hier angesichts des englischen Titels klar wird: Wer nichts zu sagen hat, sagt es englisch. Die mit „Schwimmbecken der Morgendämmerung“ sinnleer übersetzbare Komposition bietet eigentlich nichts, worüber es sich zu sprechen lohnen würde, wäre da nicht der eifrige Einfall, das Schlagzeug durch „Wasserzeug“ zu ersetzen. Drei „Spieler“ (Tellerwäscher wäre angebrachter) durften Waschlappen auswringen und mit Glöcken im Wasser klingeln. Zur Abwechslung durfte auch mal die Peitsche geschwungen werden. Was vom Komponisten vielleicht als kreativ und innovativ gedacht war, entbehrte in der Aufführung nicht einer unfreiwilligen Komik. Die restlichen Stellen wurden mit Gezupfe und zeitgenössisch-musikalischen Allgemeinplätzen gefüllt. Kein gutes Werk, wenn auch der Applaus gehörig ausfiel.

Deutlich besser wurde es dann mit einem Stück des in Sibirien geborenen Edison Denissow (1929-1996). Aufgeführt wurden die Variationen über den Haydn-Kanon Hob. XXVIIB:21 für Violoncello und Orchester mit dem Titel „Tod ist ein langer Schlaf“. Hier erlebte man nun, was Musik des 20. Jahrhunderts leisten kann. Das 1982 in Moskau uraufgeführte Werk hatte aber auch mit Sybille Hesselbarth eine großartige Interpretin, die als Zugabe das Solostück für Cello „Das Buch“ des 1946 geborenen lettischen Komponisten Pēteris Vasks darbieten durfte. Der deutsche Titel war auch hier vielsagend. Dieses Stück hatte Charakter, stellte aber an die Interpretin hohe Herausforderungen. Doch diese packte sie und überzeugte Publikums- und Kritikerherzen. Die von ihr selbst zum Cellospiel gesungene Vokalise war markant. Das heißt innovativ und kreativ. Das beste Stück des Abends. Hätte es nicht noch das Opus gegeben, weswegen wohl die meisten da waren.

Joseph Haydns Missa in angustiis Hob. XXII:11 mit dem Namen „Nelsonmesse“ ist ein grandioses Glaubensbekenntis mit Kyrie eleison, Gloria in excelsis deo und dergleichen. Eine Messe, die Haydns Genie in voller Breite vorführt. Fast wäre „Papa“ Haydn der alleinige Star der Aufführung geblieben, wäre da nicht ein blonder Engel mit einer ebenso engelhaften Stimme gewesen. In dem Werk spielt der Sopran bekanntlich die Hauptrolle und Annette Dasch, hochkonzentriert und wunderschön, füllte diese Rolle mit voller Lust aus. Die anderen Solisten waren alle hervorragend, doch mit Ausnahme des besonders im Lied erfolgreichen Baritons Stephan Genz konnten sie aufgrund der Werkkonzeption nicht ihre Stärken zeigen (James Taylor hätte es ja gekonnt, wie in der Kritik zu Conradis „Ariadne“ nachzulesen ist).

Der umjubelte MDR-Rundfunkchor hat seinem Ruf alle Ehre gemacht. Ein herrlicher Klang, wenn auch stellenweise in der Diktion etwas ungenau. Das MDR-Sinfonieorchester unter Howar Arman spielte gekonnt auf.

Das Programm:
1. Daniel Smutny: „Pool of Dawn“ für Orchester (2009) – Uraufführung – Auftragswerk des MDR
2. Edison Denissow: „Tod ist ein langer Schlaf“ – Variationen über den Haydn-Kanon Hob. XXVIIB:21 für Violoncello und Orchester
3. Joseph Haydn: Missa in angustiis Hob. XXII:11 „Nelsonmesse“


Besetzungsliste:
MDR-Sinfonieorchester
MDR-Rundfunkchor
Sybille Hesselbarth, Violoncello
Annette Dasch, Sopran
Hermine Haselböck, Alt
James Taylor, Tenor
Stephan Genz, Bariton
Howard Arman, Dirigent und Einstudierung des Chores

Donnerstag, 11. Juni 2009

Mein süßer Zucker

Opernaufnahme des Monats: Johann Georg Conradis „Ariadne“ unter Paul O'Dette und Stephen Stubbs


So wichtig Georg Friedrich Händel als Komponist ist und so angemessen die im gewidmete Beachtung in seinem 251. Todesjahr auch ist, darf man doch nicht vergessen, dass es auch andere Opernkomponisten in der Barockzeit gab. Auch in Deutschland. Zum Beispiel Johann Georg Conradi (1645-1699). Deswegen war der Fund der lange verschollen geglaubten Oper „Ariadne - Die schöne und getreue Ariadne“ geradezu sensationell. Zumal es sich um eine wirklich deutsche Oper handelt, die zwar Merkmale der französischen und italienischen Opernstile in sich vereint, aber doch in deutscher Sprache geschrieben ist. Nach dem Kennenlernen dieses Werks ist man geneigt ob der Tatsache, dass es keine weiteren erhaltenen Kompositionen des in Bayern geborenen, aber in Hamburg tätigen Meisters gibt, in Trauer zu verfallen. Dass diese Oper erst 33 Jahre (2003) nach der Wiederentdeckung in den USA (so wichtig, das Festival für Alte Musik dort auch sein mag: nur in Boston!) zum ersten Mal seit dem 18. Jahrhundert aufgeführt wurde, ist unverständlich und ein Skandal. Zu dem Glücksgefühl, das diese Oper verursacht, tragen aber ganz im Wesentlichen die Sänger bei. Doch zuerst zur Oper.

Kühn behauptet, aber wohl wahr ist, dass die erzählten Inhalte von Barockopern eher zweitrangig sind. Dazu kommt, dass die Handlungen in den Werken jener Zeit so verzwickt sind, dass nur der Allergescheiteste noch den Durchblick behält.

In diesem Werk geht es im Großen und Ganzen um die kretische Prinzessin Ariadne, Tochter von König Minos. Ihr Geliebter und Athener Theseus soll gegen den unbesiegbar erscheinenden Minotaurus und Sohn von Ariadnes Mutter kämpfen. Ariadnes Mutter Pasiphaë drängt sie, Evanthes statt Theseus zu heiraten. Ariadnes Schwester liebt ebenfalls Theseus. Am Ende besiegt Theseus den Stier. Evanthes entpuppt sich als Gott des Weines Bacchus. Theseus und Phaedra brennen durch. Ariadne und Evanthes/Bacchus fahren schließlich mit dem Segen der Venus zum Himmel auf. Sie sehen: Die Handlung, die hier nur im Ansatz und mit großen Lücken widergegeben wurde, ist nebensächlich und undurchschaubar.

Kommen wir zu dem, was die Oper wirklich ist: ein Fest des Gesanges und der Musik. Die Kodirigenten Paul O'Dette und Stephen Stubbs können hier ein Ensemble vorzeigen, das nicht aus den Titelblattstars besteht, aber auf einem sagenhaften Niveau schwebt. Selten habe ich eine Oper in einer so durchweg guten Besetzungen gehört. Die einzelnen Sänger seien vorgestellt:

Karina Gauvin: Die kanadische (wie viele außerordentlich begabte Sänger aus Kanada es doch gibt!) hat eine ideale Stimme für Barockoper, was sie auch vielfach schon auf Aufnahmen belegt hat. Doch als Ariadne setzte sie dem ganzen noch eine Krone auf. Wie sie mit ihrem Sopran die dicksten Tonseile in feine schwebende Fäden verwandelt, ist berauschend. In ihrer Auftrittsarie singt sie: „ Grimmes Glück! nach allen Plagen,/ Sage doch wo find ich Ruh?“ Der Zuhörer findet sie in dieser Sängerin von Weltformat. In der Leidensarie „Ersticket, erdrücket, ihr Seuffzer, mein Hertze“ beweist sie ihr Talent, Gefühlslagen in Musik umzuwandeln. Im dritten Akt erleben wir dann eine Sternstunde des kultivierten Koloraturgesangs, wenn die Quebecerin die Wutarie „Ihr Furien, auff, auff!" in ein vokales Feuerwerk verwandelt.

Matthew White: Der Altist ist unter den momentan so zahlreichen in weiblichen Stimmlagen singenden Sängern einer der besten. Seine Stimme verrät immer sein Geschlecht, ist nicht fraulich, dafür aber auch genauso wenig weibisch. Das ist erfrischend. Und er bringt ein wunderbares unverwechselbares Timbre in die Oper, das er dann in der letzten Arie der Oper „Erinnre dich, mein Licht, daß mir allein gebührt“ zu unserer Freude in wunderschön elegischer Weise zum Besten geben kann.

Jan Kobow: Der deutsche Tenor ist in dieser Oper vor allem ein – das ist positiv gemeint – Ein-Hit-Wunder (auch wenn er später noch einiges zu singen hat). Er kann in der Scherenschleiferszene sein komödiantisches wie gesangliches Geschick zeigen. Damit kommt ihm unschätzbar zugute, dass er Deutsch zur Muttersprache hat. So kann er jede Silbe mit dem ihr nötigen Gewicht versehen, komödiantische Akzente setzen, sächseln und allerlei andere Tricks herbeizaubern.

Barbara Borden: Die amerikanische Sopranistin hat die undankbare Rolle von Ariadnes Schwester. Doch entpuppt sie sich für sie als Geschenk. Der helle hohe Sopran verzaubert mit fein ziselierten Koloraturen und scharfer Akzentuierung der musikalischen Sprache. An einigen Stellen wirkt die Stimme etwas schrill und erinnert an einen Kontratenor. Sie harmoniert aber zum Beispiel vollkommen mit dem sanften Tenor James Taylors in der Arie „Geneigete Liebe, beglücke die Lust“. Außerdem hat sie im dritten Akt eine zauberhafte Nachtarie, in der sie ihre lyriche Stärke zeigen kann: „Brich an, brich an, gewünschte Nacht“.

James Taylor: Die wahrscheinlich schönste Stimmfarbe unter allen Sängern dieser Aufnahme hat der amerikanische Tenor. Zum Träumen verführt er in Arie und Duett mit Ariadne „Nimm, schönster Engel, Herz und Mund“. Anregend, um nicht zu sagen erregend, wird es dann in der kurzen Arie „Eilet, ach, eilet“ aus dem zweiten Akt. Er eilet, er singet, er bezaubert.

Ellen Hargis: Die Sängerin, die die Mutter der Ariadne und die Venus singt, hat mit „Wann sehnliches Wünschen“ einen der größten Ohrwürmer der Oper – und sie meistert das fabelhaft. Und auch der zweite große Ohrwurm der Oper im dritten Akt gehört ihr: „Nun edle Rache, sol dein Gifft,/ Mein süsser Zucker werden“. Schade, dass das Stück so kurz ist. Text und Musik verschmelzen hier in einer seltenen Harmonie.

Julian Podger: Der aus England stammende Sänger von Theseus' Freund Pirithous hat mit „Alles ist nur Eitelkeit“ eine nicht nur musikalisch schöne Arie, der er bravourös meistert, sondern auch eine mit einen klugen Text. So singt er: „Singt nicht dieser Erden=Freuden/ Die mit so viel Lüsten weiden,/ Güter einer kurtzen Zeit?/ Wollust, Ehr und große Netze“.

Die Passacaille mit anschließendem Sextett, was den vorletzten Auftritt bildet, fasst dann noch einmal alles, was außerordentlich an dieser Oper ist, zusammen: wunderschöne Melodien und Gesangslinien, bei denen die Sänger brillieren können, aber die nicht allein Spielereien sind. Der Chor darf dann zum Schluss der Oper heilsam und versöhnlich singen: „Ob gleich die Zähren¹,/ Ein Zeitlang uns beschweren,/ Komt doch zuletzt,/ Was Geist und Seel ergetzt.“

Diese Live-Aufnahme aus Boston, die beim Label CPO als 3-CD-Set erschienen ist, lohnt sich also ohne Bedenken. Des Gesangsensembles wegen, aber auch des gerrlich aufspielenden Boston Early Music Fetival Orchestra und des exzellenten dazugehörigen Chores. Das informative, reich bebilderte und mit dem Libretto (inklusive englischer Übersetzung) versehene Beiheft ist dazu noch ein guter Bonus.


Die Aufnahme bei jpc.de bestellen.

¹ Tränen

Sonntag, 7. Juni 2009

Beschwörende Schönheit

Platte des Monats: Lieder, Chansons, Mazurkas und Canzoni von Pauline Viardot-Garcia, gesungen von Isabel Bayrakdarian, am Klavier begleitet von Serouj Kradjian


Komponistinnen haben es schwer: Sie sind meistens nicht weniger begabt als ihre männlichen Kollegen, aber ein Beethoven mit Rock, das ist wohl für manchen Musikfreund eine zu zu große Zumutung. Die Schwester vom diesjährigen Jubilar Felix Mendelssohn, Fanny Hensel, gilt für manchen Kenner als das größere Talent, aber sie ist noch weniger populär als ihr jüngerer Bruder. Die Frau Robert Schumanns, Clara (früher auf dem 100-DM-Schein abgebildet), war nicht nur eine große Klavierspielerin, sondern auch eine ihrem Mann nicht unterlegene Tonsetzerin. In die Reihe der wenig bekannten Komponistinnen, die mehr durch ihre Verwandtschaft bekannt sind, fügt sich auch Pauline Viardot-Garcia ein. Sie war Tochter des legendären Rossini-Tenors Manuel García und Schwester der mythosumrankten Maria Malibran (Cecilia Bartoli hat ihr vor kurzem ein diskographisches Denkmal gesetzt), Muse von Iwan Turgenew, Sängerin, aber vor allem auch eine geniale Komponistin. Die heute 35-jährige Sängerin Isabel Bayrakdarian zollt gemeimsam mit ihrem Begleiter Serouj Kradjian den Viardo-Garcia gebührenden Tribut mit 23 Liedschöpfungen.

Im engeren Sinn sind es nicht nur Lieder. Es sind elf französische Mélodies (Viardot-Garcia war gebürtige Pariserin), vier deutsche Lieder (vor allem Übersetzungen russischer Gedichte; die Komponisitn lebte lange zeit in Baden-Baden), vier Mazurkas auf Kompositionen Friedrich Chopins und vier italienische Canzoni.

Die junge Kanadoarmenierin hat einen wunderbar warm timbrierten Sopran mit einer geläufigen Gurgel und viel Charme. Fast sensationell sind ihre gesungenen Tonleitern. Wer sich umhört, weiß, dass solche technischen Finessen keinerlei Selbstverständlichkeiten (mehr) sind. In diesem Bereich erinnert sie an die junge Montserrat Caballé. Ganz hervorragend ist dies alles nachzuhören in der Mazurka „Seize-ans“.

Am schönsten sind vielleicht die deutschen Lieder, hier vor allem „Die Beschwörung“ nach dem russischen Dichterfürsten Alexander Puschkin. Wie eindringlich die hübsche Armenierin die Rolle des nach Leila sehnenden Trauernden übernimmt, ist ein Fest für jeden Melomanen und Freund der Dichtkunst. In der Tat beschwörend, beschwörend schön. Isabel Bayrakdarians deutsche Aussprache lässt an mancher Stelle zu wünschen übrig, insbesondere die Umlaute gelingen ihr nicht immer und der ein oder andere Konsonant gerät recht unscharf (was beim Deutschen im Gegensatz zum Französischen sehr wichtig ist). Aber wenn sie mehrmals „Komm her!“ in diesem einem Schubert-Lied in nichts nachstenden Lied singt, dann möchte man es ihr gleichtun und „Sing mehr!“ rufen.

Die Mélodies sind stark in dem französischen Idiom verhaftet, nie aber musikalische Beliebigkeiten. Anders als der Name andeutet sind diese kleinen Werke nicht in erster Linie der Melodie gewidmet, sonder dem Wort. Diese lieh sich Viardot-Garcia bei Théophiel Gautier, Alfred de Musset und anderen. „Bonjour, mon cœur“ des Pléiade-Dichters Pierre de Ronsard wird dann aber, es ist immerhin ein Gedicht aus dem 16. Jahrhundert, ein goldener Klangteppich ausgerollt, auf dem sich die Sängerin bequem bewegt. Bei den Mazurkas, die auf Chopin-Mazurkas basieren, geht es dann insgesamt aber etwas fröhlicher, melodiöser zu. Hier kann Bayrakdarian ihr stimmliches Potential entfalten mit allerlei Verzierungen und den besagten Tonleitern.

Die italienischen Canzoni nach unbekannter Quelle schließlich sind glitzernde Perlen, die aber eher Zugaben als das Herz der Aufnahme sind.

Schön ist, dass das Beiheft alle Texte enthält. Da das Rezital beim kanadischen Label Analekta erschienen ist, handelt es sich um ein zweisprachiges Beiheft (englisch und französisch), außer bei den deutschen und italienischen Liedern, wo auch die gesungenen Texte abgedruckt sind. Leider war die Redaktion wohl nicht sehr deutschkundig, es sind einige Schreibfehler enthalten. Immerhin ist der Kommentar von Guy Marchand sehr erhellend.

Alles in allem ist dieses Album von 2004 eine wichtige Repertoireerweiterung und – dessen ungeachtet – eine große interpretatorische Leistung, zu der auch Serouj Kradjian am Kalvier mageblich beiträgt.

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Montag, 1. Juni 2009

Die Bergkletterin

Jessye Normans Auftritt in der ZDF-Sendung „Götz Alsmanns Nachtmusik“ vom 31. Mai 2009

Hoffentlich ist der Grund dafür, dass Jessye Norman innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal im deutschen Fernsehen auftritt, der, dass sich die Karten für ihre aktuelle Tournee so schlecht verkaufen. Wenn das so wäre, wäre es schade drum. Auf jeden Fall werden wir mit seltenen und kostbaren Auftritten der Sängerin außerhalb des Konzertsaals beehrt.

In Götz Alsmann Musiksendung entschied sie sich, „Climb ev'ry mountain“ (aus Rodgers' und Hammersteins Musical „The Sound of Music“) vorzutragen. Am Klavier wurde sie vom Gastgeber selbst begleitet.

Der Berg ist vielleicht mittlerweile etwas zu hoch für die Sängerin. Doch so sehr manche Töne (und es waren viele) daneben gingen, so sehr ist die Künstlerin doch auch eine ganz außergewöhnliche Erscheinung. Was die Stimmbänder nicht mehr hergeben, kompensiert sie durch Vortrag, Aura und (Götz Alsman hat es angesprochen) die wunderschöne Garderobe.


Jessye Norman hat schon manchen Berg bestiegen. Sie hat Richard-Strauss-Lieder gesungen, wie es niemand vor ihr oder nach ihr gesungen hat oder hat singen können. Sie hat einen Mozart gesungen, der für immer bleibt. Ihre Fidelio-Leonore ist über alle anderen erhaben. Und ihre viel gescholtene Carmen ist magisch. Sie muss nicht mehr jeden Berg erklimmen – der Ansatz ist schon genug.

Im Anschluss an die Darbietung entlockte Alsmann der Weltbürgerin („Ich bin eigentlich in Berlin aufgewachsen.") noch, dass unter den deutschen Dichtern Joseph von Eichendorff, Hermann Hesse und Johann Wolfgang von Goethe ihr die liebsten sind. Für sie den „Götter-Goethe“ (O-Ton) – für uns die Göttin Jessye.

Die Sendung auf ZDF.de anschauen.