Sonntag, 31. Mai 2009

Alexandra: Die Stimme der Bäume und Zigeuner

Künstlerin des Monats

Es ist ein Kreuz mit dem Schlager. Kaum eine andere Musikgattung hat ein so negatives, klischeebehaftetes Image wie der Schlager. Doch der Schlagerfreund weiß, dass seine Musik eine grundehrliche ist, da sie von vornherein eingesteht, dass sie eine Welt vorspiegelt, dies es nicht gibt, aber geben sollte, und dass sie von der deutschen Sprache und der damit verbunden Empfindungsweise lebt, die andere Musik ihnen nicht geben kann, wenn sie nicht gerade auf Volksmusik oder Klassik ausweichen wollen. Und wenn es dann noch im sogenannten Schlager so eine Perle gab wie Alexandra, zu deren Fangemeinde sich selbst dem schlechten Geschmack unverdächtige Menschen zählen, dann kann Schlager auch etwas Gutes sein. Und das Beste, was dem Schlager jemals passiert ist, war sie wohl. Alexandra!

Was hatte die in Ostpreußen als Doris Treitz geborene Sängerin auch nur für eine Stimme. Ein wunderschöner Alt mit geringem Umfang, aber mit betörendem Timbre. Und sie war auch einfach eine fantastische Sängerin, wenn Sänger vom Singen kommt (Amerikaner nennen so etwas „a singer's singer“).

Das Schicksal meinte es aber nicht sehr gut mit ihr. Die Sängerin starb 1969 im Alter von 27 Jahren. Sie hatte eine sehr kurze Karriere. Die große Zeit, die sie erlebt hat, dauerte nicht einmal zwei Jahre. Wie bei allen großen Künstlern, die früh gestorben sind, hat auch bei ihr der Unfalltod einen Mythos hinterlassen.

Sie hat aber keinen Mythos nötig. Was uns die mit einem Russen verheiratete Musikerin hinterließ, ist genug (und es sind nur etwas über 60 Lieder), um sie zu einer der größten Sängerin zu machen. Nicht nur in Deutschland. Weltweit.

Wenn jemand „Mein Freund, der Baum“ immer noch für einen kitschigen Hippie-Song hält, hat nicht verstanden, dass es die Sängerin ernst meinte. Sie wollte die Welt mit ihrer Musik aufwecken und sie so besser machen. Michael Jackson tut dies und ist der größte lebende Star. Das Lied vom Baum ist nicht nur musikalisch beeindruckend, es ist vor allem Alexandras Gesang, der fasziniert.

Sie hat nicht nur in der deutschen Sprache reüssiert. Sie sang vor allem auch Lieder in russischer Sprache (öfter natürlich russische Lieder auf Deutsch) aufgrund ihrer Ehe mit einem Russen und ihrer ostpreußischen Herkunft. Sie sang aber auch auf Englisch und ganz hervorragend auf Französisch. Ihre Interpretation von Gilbert Bécauds „Je t'attends“ ist, was die Phrasierung angeht, eine Offenbarung. Selten hörte man aus deutschen Landen in der populären Musik eine Gesangskunst in solcher Excellence.

Aber auch ein Lied wie „Zigeunerjunge“ (überhaupt hat sie sehr viele Zigeunerweisen gesungen) ist abgesehen von der Eingängigkeit ein Zeugnis der hohen Musikalität der Sängerin und ein Monument, das uns nicht vergessen lässt, was wir nicht wissen können, aber wissen dürfen: Diese Sängerin hätte uns und der Welt noch sehr viel mehr gegeben als wir von ihr haben, und wofür wir dankbar sein müssen.

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Donnerstag, 21. Mai 2009

Et s'il fallait le faire / Und wenn ich es tun müsste

Der Originaltext und die Übersetzung von Frankreichs Beitrag zum Eurovision Song Contest 2009 in Moskau – interpretiert von Patricia Kaas.




Et s'il fallait le faire
(Musique/paroles: Anse Lazio & Fred Blondin)

S’il fallait le faire, j’arrêterais la terre,
j’éteindrais la lumière, que tu restes endormi.
S’il fallait pour te plaire lever des vents contraires
dans un désert sans vie, je trouverais la mer

Et s’il fallait le faire, j’arrêterais la pluie.
Elle fera demi-tour le reste de nos vies.
S’il fallait pour te plaire t’écouter chaque nuit,
quand tu parles d’amour, j’en parlerais aussi

Que tu regardes encore dans le fond de mes yeux.
Que tu y vois encore le plus grand des grands feux.
Et que ta main se colle sur ma peau, où elle veut.
Un jour si tu t’envoles, je suivrais, si je peux.

Et s’il fallait le faire, je repousserais l’hiver
à grands coups de printemps et de longs matins clairs.
S’il fallait pour te plaire, j’arrêterais le temps,
que tous tes mots d’hier restent à moi maintenant

Que je regarde encore dans le bleu de tes yeux.
Que tes deux mains encore se perdent dans mes cheveux.
Je ferai tout plus grand et si c’est trop ou peu,
j’aurais tort tout le temps, si c’est ça que tu veux.

Je veux bien tout donner, si seulement tu y crois.
Mon cœur veut bien saigner, si seulement tu le vois,
Jusqu’à n’être plus rien que l’ombre de tes nuits,
Jusqu’à n’être plus rien qu’une ombre qui te suit.

Et s’il fallait le faire ...

Und wenn ich es tun¹ müsste
(Musik/Text: Anse Lazio & Fred Blondin)

Wenn ich es tun müsste, würde die Erde anhalten.
Ich würde das Licht ausmachen, damit du weiterschlafen kannst.
Wenn es, um dir zu gefallen, nötig wäre, Gegenwinde zu erzeugen
in einer Wüste ohne Leben, würde ich das Meer finden.

Und wenn ich es tun müsste, würde ich den Regen anhalten.
Er wird den Rest unseres Lebens wenden.
Wenn es, um dir zu gefallen, nötig wäre, dir jede Nacht zuzuhören,
wenn du über Liebe sprichst, würde ich auch davon sprechen.

Damit du in die Tiefe meiner Augen schaust.
Damit du dort immer noch das größte aller großen Feuer siehst.
Und damit deine Hand sich an meiner Haut schmiegt, wo sie es will.
Wenn du eines Tages in den Himmel schwebst, folge ich dir, wenn ich kann.

Und wenn ich es tun müsste, würd ich den Winter verdrängen
für den Frühling und für den langen klaren Morgen.
Wenn es, um dir zu gefallen, nötig wäre, würde ich die Zeit anhalten,
damit deine Worte von gestern jetzt bei mir bleiben.

Damit ich immer noch in das Blau deiner Augen schaue.
Damit sich deine Hände in meinem Haar verlieren.
Ich würde alles viel größer machen und wenn das zu viel oder zu wenig ist,
würde ich die ganze Zeit unrecht haben, wenn es das ist, was du willst.

Ich möchte gerne alles geben, wenn du nur daran glaubst
Mein Herz möchte gerne bluten, wenn du es nur siehst.
Bis es nur noch der Schatten deiner Nächte ist.
Bis es nur noch ein Schatten ist, der dir folgt.

Und wenn ich es tun müsste ...

¹Die Übersetzung beim Grand Prix war machen, ich habe mich aber für tun entschieden.

Die Übersetzung ist ein Versuch, den Sinn des Originals möglichst poetisch wiederzugeben. Eine sangbare Version müsste den Text viel stärker verändern

Die Göttliche auf Erden

Jessye Norman in der ARD-Sendung „Beckmann“ vom 18. Mai 2009

Selten genug ist klassische Musik Thema in den großen Fernsehsendungen, die Zuschauer im hohen siebenstelligen Bereich erreichen. Wenn dann auch noch eine der größten Stimmen und zugleich eine der größten, geheimnisumwittersten Diven des klassischen Gesanges neben Dauergästen wie Iris Berben in einer Gesprächssendung Platz nehmen darf (und will) , dann ist dies ein wichtiges und frohes Ereignis für Fans der Dame und der Musik insgesamt.

So hat am Montag Jessye Norman ihren Weg nach Hamburg zu Reinhold Beckmann gefunden. Ihren letzten Talkshowauftritt hatte die Primadonna assoluta 1993 in der von Alfred Biolek moderierten Sendung „Boulevard Bio“. Damals verriet sie dem Großmeister der Fernsehunterhaltung, dass sie zur Musik gekommen sei, weil sie sehr gerne singe. Biolek konnte sich seine ironische Verwunderung nicht verkneifen. Doch so einfach können die Dinge sein.

Auch diesmal verriet das Monstre sacré der Oper und des Liedes keine welterschütternden Neuigkeiten. Stattdessen sprach sie über ihr neues Bühnenprogramm "Roots" (Jessye Norman auf Tournee), das vor allem aus Spirituals besteht und an dem André Heller, der über sie schon eine künstlerisch anspruchsvolle Dokumentation gemacht hat, mitgearbeitet hat. Sie sprach über die Ehre, für den US-Präsidenten Barack Obama gesungen und Abraham Lincoln rezitiert zu haben. Und sie teilte wieder einmal mit der Welt ihre Bewunderung für die legendäre afroamerikanische Sängerin Marian Anderson, die für andere schwarze Sänger wie Frau Normans selbst die Türen geöffnet hatte.

Einigermaßen erhellend und sympathisch war Jessye Normans Eingeständnis, dass ihr das Singen nicht so leicht falle, wie manche glauben, dass es harte Übung und viel Arbeit ist. Und das halte sie mit beiden Beinen auf der Erde.

Als sie dann auch noch zwei Spirituals anstimmte, war zwar klar, dass ihre große Zeit, in der ihrer Stimme keine andere gleich kam, vorbei ist, dass es aber eine Schande wäre, das was von dieser Stimme Übriggebliebene vorzuenthalten. Denn das verzaubert immer noch. Die Magie beim Singen kommt ja selten aus den Stimmbändern, sondern viel öfters aus dem Herzen. Und ein großes Herz hat diese Diva, was sie ist, ohne ihr die negativen Eigenschaften, die viele mit dieser Bezeichnung verbinden, zuschreiben zu wollen. Sie hat eine nicht auf Gewinn angelegte Schule gegründet (Jessye Norman School of Art), um den Kindern etwas Positives zu geben. Sehr viel Positives hat uns die Sängerin, die an Musik auf dem Jupiter glaubt, in der Tat gegeben.

Sonntag, 17. Mai 2009

Merci, Patricia Kaas!

Zum achten Platz von Frankreich beim Eurovision Song Contest 2009 in Moskau

Es gibt Momente, da wächst ein Künstler über sich hinaus und man versteht endlich, was man vorher nur gefühlt hat. Am 17. Mai war so ein Moment. Der Moment, in dem Patricia Kaas die Bühne der Olympia-Arena in Moskau betrat und anfing ihren Grand-Prix-Beitrag "Et s'il fallait le faire" zu singen. Ihre Präsenz, ihre großartige Stimme fesselte von der ersten bis zur letzten Sekunde. So eine souveräne, so eine – im wahrsten Sinne – große Leistung hat dieser Wettbewerb selten – ich behaupte nie – gesehen. Man verstand: Diese Frau ist ein Heiligtum – nicht nur Frankreichs, nicht nur Deutschlands, nein, ganz Europas!

Dass Frau Kaas am Ende nur den achten Platz belegte, ist nicht so tragisch. Erstens durfte man bei einem Publikum, das vergangenes Jahr den schlechtesten Beitrag und 2006 eine als Monster maskierte Heavy-Metall-Band zum Sieger gewählte hat, Schlimmeres erwarten. Dass es aber doch nur für einen Platz hinter der unerträglichen Ballermannhymne aus Griechenland gereicht hat, tut dann doch etwas weh.

Trotzdem war es richtig, dass Patricia Kaas an diesem Abend aufgetreten ist. Nötig hätte sie es nicht gehabt, nein. Aber sie hat das richtige Signal gegeben: Auch bereits etablierte Künstler dürfen und sollen bei diesem Wettbewerb auftreten. Und wenn es dann nur für den achten Platz reicht, dann ist eines doch gewiss: Seit dem Abend gibt es nicht weniger, sondern noch mehr Patricia-Kaas-Fans. Und das macht die Welt ein bisschen schöner.

Deswegen: Merci, Madame Kaas, für die Gänsehaut! Merci, Madame Kaas, für das schöne Lied! Merci, Madame Kaas, dass sie sich nicht in die dümmlichen „Danke, Moskau!“-Rufe verfallen sind! Merci, Madame Kaas, dass man bei Ihnen immer spürt, dass sie auf der richtigen Seite stehen! Bei Ihren Fans, bei den Menschen, bei uns. Merci, Madame Kaas!

Montag, 11. Mai 2009

Schrille Töne in der Kirche

Das Ensemble Clément Janequin mit dem Programm „Les plaisirs du palais – Drinking Songs of the Renaissance“ beim Leipziger A-cappella-Festival in der Ev.-Reformierten Kirche am 10. April 2009


Die Musik der Renaissance hat schon etwas Besonderes. Der Musik dieser Epoche fehlt völlig das Verkopfte, Intellektualisierte, das Überhöhte, was man später vor allem in der Musik der Romantik treffen würde. Die Musik ist im Kern demokratisch, so wie heute vielleicht die Pop-Musik. Sie trifft die Menschen dort, wo sie am leichtesten zu treffen sind. Das verwundert es nicht, dass ein Abend mit Trinkliedern das Leipziger Publikum zu Begeisterungsstürmen treibt.

Das an der weißbetuchten Tafel Platz gefundene Ensemble Clément Janequin, das aus fünf Sängern (mit dem Kontratenor Dominique Visse an der Spitze) und einem Lautenisten besteht, hat an diesem Abend Stücke unter anderem von Claudio Monteverdi, Josquin Desprez und Ensemble Clément zu Gehör gebracht. Und sie haben es geschafft, die vorwiegend aus dem 16. Jahrhundert stammende Musik in das Heute des ungewöhnlich jungen Publikums der prall gefüllten Leipziger Ev.-Reformierten Kirche zu transponieren. Ob es Blasphemie ist, Lieder, die dem fleischlichen Genuss frönen, in einer Kirche erklingen zu lassen, mag hier nicht geklärt werden. Klar aber ist, dass die Kirche wohl nur selten so voll war und dass die Akustik bestens geeignet war für das Konzert.

Den überaus positiven Gesamteindruck des musikalischen Abends hat nur eines getrübt: die Stimme von Dominique Visse. Der Altist hat einfach zu sehr die anderen Sänger, die ein wunderschönes harmonisches Ganzes bildeten, mit einer schrillen Persistenz übertönt. Doch vielleicht das ja wie mit der Säure und der Süße in einem schönen Getränk ...