Sonntag, 26. April 2009

Musik, weil sie Musik ist

L'Arpeggiata, Christina Pluhar, Philippe Jaroussky, Lucilla Galeazzi, Gianluigi Trovesi und Anna Dego im Nikolaisaal Potsdam am 25. April 2009

Zu Recht wird die aktuelle Aufnahme von Christina Pluhar und ihrem Alte-Musik-Ensemble L'Arpeggiata "Teatro d'Amore" in den Himmel gelobt. Musik des italienischen Großmeisters Claudio Monteverdi wird verjazzt und damit im Grunde wirklich historisch korrekt aufgeführt. Denn wie schon Robert D. Levin auf die Frage, wer der Mozart unserer Zeit sei, nicht Alfred Brendel oder Murray Perahia, sondern Chick Corea und Keith Jarrett genannt hat, so gilt diese Vorstellung auch für die Alte Musik. Christina Pluhar mit Ensemble und Sängern, allen voran Philippe Jaroussky und Nuria Rial, bringt die Musik zurück zu ihren Wurzeln.

Da aber eine Improvisation immer am besten ist in dem Augenblick, in dem sie ensteht, ist das Konzert das bevorzugte Medium. Und dieses Medium wurde im Potsdamer Nikolaisaal am 25. April zu neuen Höhen gebracht durch L'Arpeggiata und ihren musikalischen Freunden. Die Idee war folgende: die Verbindung von Alter Musik mit Jazz, traditioneller Musik und Tanz. Da aber bei großen Dingen immer das Gesamtergebnis größer ist als die Summe der Einzelteile, ist daraus viel mehr geworden als das Programm versprochen hat.

Eine unglaubliche Begegnung der musikalischen Art gab es an einem Abend, nach dem die Musik nicht mehr das war, was sie mal war. Pluhar und Freunde haben die Musik zurückgeholt und dem Publikum gegeben. Sie haben Musik gemacht mit dem Zweck, zu dem sie einmal geschrieben wurde: die Erquickung der Herzen.

Jedes Wort, das dieses Konzert beschreiben sollte, wäre ein falsches Wort. Denn wie könnte man etwas, was so musikalisch ist, mit Mitteln, die nicht der Musik entstammen, beschreiben? Es sei trotzdem ein Versuch unternommen. Lucilla Galeazzi hat mit ihrem traditionellen Gesang Italien nach Preußen geholt und niemand hat die Kulturdistanz bemerkt. Musik ist universal, aber nur dann, wenn sie - wie an diesem Abend - vom Herzen kommt. Philippe Jaroussky hat sich wieder einmal als Engel bewiesen, dessen Sopran-Stimme an diesem Tag wieder einmal die Grenzen des Weltlichen verlassen, aber den Zuschauer nie alleine gelassen hat. Christina Pluhar hat mit ihrem L'Arpeggiata-Ensemble dazu gehörig geswingt. Dass es aber dabei nie beliebig oder billig zuging, ist ein unschätzbar großes Verdienst. Der italienische Jazz-Klarinettist Gianluigi Trovesi hat sich nahtlos eingefügt und seinen Status im Jazz-Bereich bestätigt. Die ebenfalls aus Italien stammende Tänzerin Anna Dego hat mit ihrem ursprünglichen, wilden Tanz auch für wilde Begeisterung im Publikum gesorgt.

So fantastisch das eigentliche Konzert war - und dies alleine hätte es zu einem einzigartigen Abend gemacht -, so waren doch die Zugaben der große Höhepunkt. Es wurden vier Titel wiederholt. Frau Galeazzi brachte ein aus vorrangig älteren Klassikhörern bestehendes Publikum zum Singen und es war für alle im Saal eine Urerfahrung. Eine Erfahrung, die zeigt, dass das Klassik-Publikum keinesfalls so steif ist, wie oft behauptet, sondern von verkopften Musikern, die das Wahre, Schöne, Gute für sich gepachtet zu haben glauben, dazu gemacht werden. Herr Jaroussky sang wieder wunderschön, aber improvisierte auch, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Am Schluß sang er dann mit den zwei L'Arpeggiata-Musikern Doron Sherwin und Alessandro Tampeiri - sonnenbebrillt - und schwang selbstironisch mit Frau Dego das Tanzbein (während Lucilla Galeazzi Mühe hatte, den Begeisterungsstürmen des Publikums beizukommen) . Ernste Musik mit Humor! Überhaupt, Christina Pluhar hat es mit ihren Freunden, das E und das U dorthin zu verbannen, wo sie hingehören: in die Lexika. Dieser Abend war ein Abend der Musik. Musik, weil sie Musik ist.

Programm:
1. Galeazzi: Ah, vita bella
2. Cazzati: Ciaccona
3. Folia
4. Galeazzi: Voglio una casa
5. Tarantella Napoletana
6. Pizicarella mia
7. Monteverdi: Ohimè, ch'io cado
8. Bertali: Chiacona
9. Pozzi: Cantata Sopra il Passacaglio. Diatonica
10. Vitale: Tarantella a Maria di Nardo
11. La Dia Spagnola
12. Galeazzi/Sparagna: Sogna fiore mio
13. Tarantella Italiana
14. Vitale: moresca
15. Kapsberger: Arpeggiata
16. Strozzi: L'Eraclito Amoroso
17. Sances: Presso l'onde tranquille
18. de Murcia: Fandango
19. Turlurù
20. Kapsberger
21. Ciaccona
22. Ninna, nanna sopra la Romanesca
Zugaben: 4, 7, Ciaccona del Paradiso e dell'Inferno & 6

Teatro d'Amore bei Amazon.de bestellen.

Freitag, 17. April 2009

Vesselina Kasarova: Stimme und Verstand

Künstlerin des Monats & Neuerscheinung des Monats


Ist sie es oder ist sie es nicht? Doch, sie ist es. Vesselina Kasarova ist die wohl beste Mezzosopranistin unserer Tage. Eine Sängerin mit Verstand und Stimme. Zwei Attribute, die nur wenige Sängerinnen mit solch einer Selbstverständlichkeit für sich beanspruchen können. Immer wenn die Wahlschweizerin ein Interview gibt, hat sie etwas zu sagen, verliert sich nie in Trivialitäten oder Klatschgerede. Eine wahrlich kluge, aber eben auch sehr gute Sängerin.

Mit dem aktuell erschienenen Rezital "Passionate Arias" beginnt für die Rossini-, Händel- und Mozart-Spezialistin ein neuer Abschnitt in ihrer Sangeskarriere. Sie visiert das dramatische Mezzo-Fach an. Dass Gesangsfach nicht bedeuten muss, in eine Schublade gesteckt zu werden, hat die gebürtige Bulgarin bewiesen, indem sie ganz bewusst das slawische Repertoire mied. Sie wollte den ihrer Meinung nach - und es ist wohl wahr - im Opernbetrieb herrschenden Rassismus nicht einfach so hinnehmen. Auf der vorliegenden CD kehrt sie aber für eine Arie zu ihren Wurzeln zurück (einem breiten Publikum wurde sie durch die Polina in Tschaikowskis Pique Dame an der Seite von Mirella Freni bekannt) und singt die Abschiedsarie der Jungfrau von Orléans aus Tschaikowskis Oper. So recht passen will die Arie in das Gesamtprogramm mit ansonsten nur französischen und italienischen Titeln und eigentlich gehört das Herz der Sängerin auch der Oper der französischen und italienischen Meister. Man hört es.

Denn was für eine Verdi-Stimme die Frau hat! Eine Azucena ("Stride la vampa" aus Il trovatore), wie man sie nie gehört hat. Kein dreckiges, altes Zigeunerweib, wie man sie sonst hört, sondern eine stolze, prächtige Zigeunerin. Es bleibt auf diesem hohen Niveau bei den Arien aus Don Carlo: Das selten zu hörende "Canzone del velo" gestaltet sie lyrisch, das oft gehörte "Don Fatale" dramatisch. So möchte man Verdi, so kann man sich an ihm nicht satthören, so und nicht anders. Schnell, Frau Kasarova mehr Verdi. Er hat sie nötig!

Für mich der Höhepunkt auf der CD ist Santuzzas Klagegesang ("Voi lo sapete, o mamma" aus Mascagnis Cavalleria rusticana). Jeder Ton ist ein Herzstoß, bei dem der Hörer der Sängerin erliegt. Sicherlich, Vesselina Kasarova ist - wie es einmal ein Kritiker ausgedrückt hat - stets hysterisch im Ton. Aber in dieser stetigen Hysterie schafft sie Abstufungen, zu denen so mancher "ruhige" Sänger nicht im Stande ist. Solche Sängerinnen gibt es nicht mehr, da hat Frau Kasarovas Gesangslehrerin Ressa Koleva, die das in einer Dokumentation sagte, schon recht. Nur eine ...

Im Zentrum der CD steht aber die Carmen Bizets und es ist eine prächtige, keinesfalls vulgäre, eine selbstbewusste, keine männermordende Carmen. Die Habanera hat man ja schon oft mit großer Befriedigung gehört, aber was die Mezzosopranistin mit dem "Chanson bohème" macht, ist einfach ein Vergnügen. Ein einfacher Schrei aus der Kehle einer großen Sängerin und schon ist es so, als ob man das Stück zum ersten Mal hört. Mit der Carmen will die Sängerin Furore machen und sie wird es auch. Trotzdem ist die Carmen nicht ihre stärkste Rolle.

Den Abschluss machen zwei Arien aus Saint-Saëns' Meisterwerk Samson et Dalila. Die Sängerin hatte bereits 2002 für ihr französisches Rezital "Nuit resplendissante" daraus eine Arie (nämlich "Amour viens aider ma faiblesse") aufgenommen. Diesmal folgen die zwei anderen berühmten Titel. Eine wahrhaftig verführerische Dalila.

Nicht vergessen werden sollte der Auftakt der CD mit der Arie der Adriana Lecouvreur von Cilea ("Acerba volutta, dolce tortura"). Ein Start, der schon verrät, wohin die Reise geht: in das Land der Klänge, denen man nicht widerstehen kann.

Vesselina Kasarova beweist 14 Jahre nach ihrem diskographischen Solo-Debüt (mit Orchesterliedern von Berlioz, Chausson und Ravel), dass sie immer noch eine Große in der Klassik ist. Aber Größe bemisst sich nicht darin, ob dicklippige High-Society-Ladys über einen reden oder ob man in Fernsehsendungen auftritt, deren kultureller Wert gleich Null ist. Vesselina Kasarova ist groß, weil sie eine Gnade Gottes für die einen, eine Gabe der Natur für die anderen und eine große Stimme für alle hat.

Sonntag, 12. April 2009

Zum Händel-Jahr 2009 & Kein Feiertag ohne Musik: „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel (Neville Marrinner, 1984)

Was ist schon falsch daran, ein englisches Händel-Werk auf Deutsch auszuführen? Nichts, wenn man Übersetzungen nicht als Verfälschung eines Werkes ansieht. Was bei Literatur gilt, sollte auch nicht der Musik vorenthalten werden. Die vorliegende Einspielung des Messias basiert auf Übersetzungen aus dem 18. Jahrhundert. Es wurden also keine Anstrengungen gemacht, den Text neu zu übersetzen. In diesem Fall ist die Übersetzung aber ordentlich, folglich kein Grund zur Kritik.

Neville Marriner versammelt um sich eine gute Solistenriege. Allen voran natürlich Lucia Popp, die aber schon zu der Zeit der Aufnahme einiges an Stimmglanz eingebüßt hat, dennoch aber für ihre Verhältnisse eine solide, vergleichsweise aber sehr gute Darbietung bringt (Anspieltipp: Wohlan, frohlocke, du Tochter Zion“, die Koloraturperlen sind etwas matt, aber sie perlen). Die Entdeckung der Einspielung ist aber der Tenor Robert Gambill, der heutzutage als Wagner-Tenor durch die Welt zieht, damals aber eine wunderbar virile Stimme besaß und so manche Arie zu einem Schmankerl zu verwandeln in der Lage ist (Anspieltipp: „Doch du ließest ihn dem Tode nicht“ wird zu einem bewegenden Glaubensbekenntnis). Brigitte Fassbaender singt tadellos, aber ohne besondere Verve (Anspieltipp: „Er weidet seine Herde“, himmlische Symbiose zwischen ihrer und Popps Stimme, die in ruhigem Fahrwasser richtig auftrumpfen kann). Gleiches gilt in noch größerem Maße für Bass Robert Holl (Anspieltipp: „Die Tromba erschallt“). Der Südfunkchor musiziert gekonnt, aber auch sehr routiniert. Man hat so manchen Chor schon schöner gehört. Das Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart unter Neville Marriner hat Händel nicht im Blut und so kann Marriner mit dem Orchester die Musik auch nicht zu den Höhen bringen, zu denen sie im Stande wäre – trotzdem eine ordentliche Leistung.

Insgesamt gesehen ist diese Einspielung vor allem für diejenigen zu empfehlen, die einen deutschen Messias hören wollen. Denn es gibt sicherlich in der historischen Aufführungspraxis korrektere, musikalisch aufregendere Aufnahmen des Messiah, aber allein der zwei Solisten der höheren Stimmlagen wegen, deren Kaliber selten ist, lohnt sich dieser Erlöser – nicht nur zu den Osterfeiertagen, zu deren Anlass er in Musik gesetzt wurde.

Der Messias bei Amazon.de bestellen.

Freitag, 10. April 2009

Zum Händel-Jahr 2009: Platte des Monats – Handel's Beard von Kobie van Rensburg

Auch zum Händel-Jahr will die Silikon-Fraktion unter den Klassik-Hörern nicht auf ihre Boulevard-Stars verzichten. Und so traute sich auch der mexikanische Verismo-Tenor Rolando Villazón an Händel heran. Schlecht ist das Ergebnis nicht, aber auch völlig glanzlos. Da ist der südafrikanische Tenor Kobie van Rensburg schon ein ganz andere Fall. Davon abgesehen, dass Rensburg ein hell timbrierter Tenor ist, überstrahlt sein Händel den von Villazón doch um Welten.

Der auf Barockmusik und Mozart spezialisierte Tenor (zu hören in der kürzlich erschienenen Aufnahme von Händels Alcina unter Alan Curtis) hat eine sehr geläufige Gurgel und eine wunderbar leuchtende Höhe. Dabei hat er sich für das vorliegende Programm nur Arien ausgesucht, die ihm gut liegen, so dass zu keinem Augenblick Grenzen seiner stimmlichen Möglichkeiten hörbar werden. Was aber Tenören seiner Art doch Grenzen aufweist, ist der Mangel an Stimmfarben. Es bewegt sich der Gesang doch immer in diesen – wenn auch – elysischen Höhen.


Gewidmet ist das Rezital dem wichtigsten Tenor der Händelschen Opern zu Lebzeiten des Komponisten, John Beard, gewidmet. Solche Tribute sind ja in den letzten Jahren zum Trend geworden: Vivica Genaux zollte Farinelli Tribut, Andreas Scholl Senesino, Cecilia Bartoli Maria Malibran, Juan Diego Flórez Rubini und Vesselina Kasarova fast zeitgleich mit Philippe Jaroussky Carestini. Doch Kobie van Rensburg war diesen Herrschaften voraus. Sein Programm wurde schon 2000 aufgenommen im Goethe-Theater von Bad Lauchstädt unweit von Halle gelegen. Es ist unzweifelhaft immer eine nette Idee einen Sänger vorzustellen, für den die Stücke ursprünglich geschrieben wurden oder der diese bekannt gemacht hatte, und so eine Sängerkarriere nachzuerleben. Doch tut dies rein gar nichts zu der Qualität einer Aufnahme. Glücklicherweise ist Kobie van Rensburg in harmonischer Begleitung von Wolfgang Katschners exzellentem Alte-Musik-Ensemble Lautten-Compagney aber doch ein Qualitätswerk gelungen.

Das Album teilt sich in vier italienische Arien (darunter das wunderbar ekstatische „Vanne si ...“ aus Giustino und das herrlich schwebende „Un momento di contento“ aus Alcina) und elf englische Arien (darunter das berühmte „Where'er you walk“ und das narkotisierende „I must with speed amuse her“, beide aus Semele) komplettiert von zwei Instrumentalstücken (unspektakulär, aber als „Durchatmer“ sehr geeignet, vor allem die Passacaglia aus Rodrigo).

Die einzige ernsthafte Kritik richtet sich nur gegen die Titelreihenfolge: Es wäre weiser gewesen, die spektakulären Stücke nicht so nahe beieinander zu packen, sondern auf Anfang und Ende der CD zu verteilen. Die beschließende Arie „Love sounds the alarm“ aus Acis und Galatea ist dann aber doch ein guter, ein wenig auch krönender Ausklang eines alles in allem hervorragenden Rezitals. Dieses ist, wenn auch keine aktuelle Erscheinung, doch ein aktueller Tipp für das Händel-Jahr 2009 und darüber hinaus.


Handel's Beard bei Amazon.de bestellen.