L'Arpeggiata, Christina Pluhar, Philippe Jaroussky, Lucilla Galeazzi, Gianluigi Trovesi und Anna Dego im Nikolaisaal Potsdam am 25. April 2009
Zu Recht wird die aktuelle Aufnahme von Christina Pluhar und ihrem Alte-Musik-Ensemble L'Arpeggiata "Teatro d'Amore" in den Himmel gelobt. Musik des italienischen Großmeisters Claudio Monteverdi wird verjazzt und damit im Grunde wirklich historisch korrekt aufgeführt. Denn wie schon Robert D. Levin auf die Frage, wer der Mozart unserer Zeit sei, nicht Alfred Brendel oder Murray Perahia, sondern Chick Corea und Keith Jarrett genannt hat, so gilt diese Vorstellung auch für die Alte Musik. Christina Pluhar mit Ensemble und Sängern, allen voran Philippe Jaroussky und Nuria Rial, bringt die Musik zurück zu ihren Wurzeln.
Da aber eine Improvisation immer am besten ist in dem Augenblick, in dem sie ensteht, ist das Konzert das bevorzugte Medium. Und dieses Medium wurde im Potsdamer Nikolaisaal am 25. April zu neuen Höhen gebracht durch L'Arpeggiata und ihren musikalischen Freunden. Die Idee war folgende: die Verbindung von Alter Musik mit Jazz, traditioneller Musik und Tanz. Da aber bei großen Dingen immer das Gesamtergebnis größer ist als die Summe der Einzelteile, ist daraus viel mehr geworden als das Programm versprochen hat.
Eine unglaubliche Begegnung der musikalischen Art gab es an einem Abend, nach dem die Musik nicht mehr das war, was sie mal war. Pluhar und Freunde haben die Musik zurückgeholt und dem Publikum gegeben. Sie haben Musik gemacht mit dem Zweck, zu dem sie einmal geschrieben wurde: die Erquickung der Herzen.
Jedes Wort, das dieses Konzert beschreiben sollte, wäre ein falsches Wort. Denn wie könnte man etwas, was so musikalisch ist, mit Mitteln, die nicht der Musik entstammen, beschreiben? Es sei trotzdem ein Versuch unternommen. Lucilla Galeazzi hat mit ihrem traditionellen Gesang Italien nach Preußen geholt und niemand hat die Kulturdistanz bemerkt. Musik ist universal, aber nur dann, wenn sie - wie an diesem Abend - vom Herzen kommt. Philippe Jaroussky hat sich wieder einmal als Engel bewiesen, dessen Sopran-Stimme an diesem Tag wieder einmal die Grenzen des Weltlichen verlassen, aber den Zuschauer nie alleine gelassen hat. Christina Pluhar hat mit ihrem L'Arpeggiata-Ensemble dazu gehörig geswingt. Dass es aber dabei nie beliebig oder billig zuging, ist ein unschätzbar großes Verdienst. Der italienische Jazz-Klarinettist Gianluigi Trovesi hat sich nahtlos eingefügt und seinen Status im Jazz-Bereich bestätigt. Die ebenfalls aus Italien stammende Tänzerin Anna Dego hat mit ihrem ursprünglichen, wilden Tanz auch für wilde Begeisterung im Publikum gesorgt.
So fantastisch das eigentliche Konzert war - und dies alleine hätte es zu einem einzigartigen Abend gemacht -, so waren doch die Zugaben der große Höhepunkt. Es wurden vier Titel wiederholt. Frau Galeazzi brachte ein aus vorrangig älteren Klassikhörern bestehendes Publikum zum Singen und es war für alle im Saal eine Urerfahrung. Eine Erfahrung, die zeigt, dass das Klassik-Publikum keinesfalls so steif ist, wie oft behauptet, sondern von verkopften Musikern, die das Wahre, Schöne, Gute für sich gepachtet zu haben glauben, dazu gemacht werden. Herr Jaroussky sang wieder wunderschön, aber improvisierte auch, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Am Schluß sang er dann mit den zwei L'Arpeggiata-Musikern Doron Sherwin und Alessandro Tampeiri - sonnenbebrillt - und schwang selbstironisch mit Frau Dego das Tanzbein (während Lucilla Galeazzi Mühe hatte, den Begeisterungsstürmen des Publikums beizukommen) . Ernste Musik mit Humor! Überhaupt, Christina Pluhar hat es mit ihren Freunden, das E und das U dorthin zu verbannen, wo sie hingehören: in die Lexika. Dieser Abend war ein Abend der Musik. Musik, weil sie Musik ist.
Programm:
1. Galeazzi: Ah, vita bella
2. Cazzati: Ciaccona
3. Folia
4. Galeazzi: Voglio una casa
5. Tarantella Napoletana
6. Pizicarella mia
7. Monteverdi: Ohimè, ch'io cado
8. Bertali: Chiacona
9. Pozzi: Cantata Sopra il Passacaglio. Diatonica
10. Vitale: Tarantella a Maria di Nardo
11. La Dia Spagnola
12. Galeazzi/Sparagna: Sogna fiore mio
13. Tarantella Italiana
14. Vitale: moresca
15. Kapsberger: Arpeggiata
16. Strozzi: L'Eraclito Amoroso
17. Sances: Presso l'onde tranquille
18. de Murcia: Fandango
19. Turlurù
20. Kapsberger
21. Ciaccona
22. Ninna, nanna sopra la Romanesca
Zugaben: 4, 7, Ciaccona del Paradiso e dell'Inferno & 6
Teatro d'Amore bei Amazon.de bestellen.



