Samstag, 28. Februar 2009

Künstlerin des Monats - Patricia Kaas

Wenn Patricia Kaas dieses Jahr beim sogenannten "Eurovision Song Contest" antritt, dann wird sie weder einen Song singen, noch wird sie in einem ihr angemessenen Wettbewerb stehen. Patricia Kaas hat niemandem etwas zu beweisen, sie ist nicht in einem Karrieretief, das sie nur dank Grand Prix überwinden kann. Sie tritt dort aus denselben Gründen auf wie auch anderswo. Sollte sie gewinnen - angesichts des letztjährigen Zirkusgewinners aus Russland eher unwahrscheinlich - dann wird es ein Sieg für die Musik. Dann wird es auch ein Sieg für Deutschland sein. Dann wäre auch in Deutschland das verzweifelte Mitmischen Hüftschwungeinheitsbrei vorbei und ein deutschsprachiger Beitrag - Schuster, bleib' bei deinen Leisten! - wahrscheinlicher. Man muss also für Patricia Kaas am 16. Mai die Daumen und die Telefontasten drücken.

Und wenn der Sieg nicht sein sollte, dann nimmt die Künstlerin auch keinen Schaden. Dafür ist Patricia Kaas zu groß und zu gut. Die Deutsch-Französin ist eine der wenigen französischen Gesangsstars, die diesseits und jenseits des Rheins ähnlichen Starruhm genießen, ohne für ihre Art von Musik belächelt zu werden. Viel hat sie auch getan für die deutsch-französische Freundschaft.

Aber auch die Musik hat ihr Einiges zu verdanken. Sie hat das Chanson entstaubt und in eine jazzigere, rockigere Richtung geführt. Jetzt entstaubt sie den Gran Prix von allem musikfremden Dreck. Und wie allen große Gesangskünstler ist live besser als im Studio.

Patricia Kaas hat nicht nur eine wunderbar markante Stimme und kann wirklich singen, sondern sie besitzt auch Ausstrahlung. Und das merkt man egal ob auf CD oder auf der Bühne. Wenn sie einen Klassiker wie "It's a man's world interpretiert" hat sie ebenso viel zusagen wie bei ihrem Eurovision-Beitrag "Et s'il fallait le faire".

Die Rauchigkeit ihrer Stimme hindert sie nicht daran, auch Klänge der Verletzlichkeit und Einsamkeit in ihren Interpretationen aufblitzen zu lassen. Sie ist eine vielseitige Gesängerin, was die Bandbreite ihrer musikalischen Mittel angeht, ansonsten jedoch nie beliebig oder anbiedernd.

Wahrscheinlich ihr bestes Lied ist "D'Allemagne". Dort verabschiedet sie sich von "Lili Marleen", das für das alte Deutschland steht. Jetzt kehrt sie für ihr neues Album "Kabaret" zu den Zeiten von Lili Marleen zurück. In gewisser Weise hat sie sich auch von der alten Patricia Kaas verabscheidet. Aber nur in dem Sinne, dass sie jetzt noch viel besser ist.

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Mittwoch, 18. Februar 2009

Platte des Monats - Zamazu von Roberto Fonseca

„Weltmusik“ ist eine Bezeichnung, die in den 80er Jahren erfunden wurde, um Musik, die nicht dem angloamerikanischen Pop-Schema entspricht und sonst nur in kleinteilige Kategorien einzuordnen ist, in eine leicht zu vermittelnde Schublade verstauen zu können. Über die Begrifflichkeit lässt sich vorzüglich streiten, aber wenn ein Album aufgrund der Außergewöhnlichkeit und Vielseitigkeit den Stempel „Weltmusik“ verdient hat, dann „Zamazu“ von Roberto Fonseca. Der kubanische Pianist, der schon mit vielen Größen seines Metiers gearbeitet hat, liefert ein Album, das nicht Jazz, nicht Klassik und nicht kubanische Folklore ist. Aber alles zugleich. Das 2007 bei Enja Records erschienene Album ist ein Schatz an nie langweilig oder profan werdenden Melodien. Wenn es 2009 der Platte des Monats würdig ist, dann deshalb, weil es mit der Zeit nur besser wird.

Der erste Titel „Misa Popular“ ist ein sehr kurzes von Fonsecas Mutter, Mercedes Cortes Alfaro, gesungenes A-cappella-Stück, das die Richtung des Albums vorgibt: Erwartungen nicht erfüllen, sondern übertreffen; Gewöhnliches vermeiden, Ungewöhnliches gewöhnlich machen.

Es geht weiter mit „Tierra en mano“, einem von einer Männerstimmenvokalise flankiertes Klavierstück. Die Männerstimme gibt auch den Ton für das dritte Lied, „Clandestino“, vor.

Mit „Llegó Cachaîto“ folgt auch schon der erste Höhepunkt, eine besinnliche Nummer, die aber durch das den anschließenden Kurzausflug mit „Asi baila mí madre“ auf angenehmste Weise gestört wird.

„Congo árabe“ führt weg von der Karibik und verführt in die Exotik des Orients – ein musikalischer Ritt auf einem Kamel. Zum Ende des Stücks kühlt sich das ägyptische Temperament ab – der Ritt ist vorbei – und es wird das Titellied gespielt, eine wenig sensationelle, aber solide Nummer.

„Suspiro“ wird dem Jazz-Etikett gerechter, um sich dann erneut in einer Melodie aus 1001 Nacht, „Ishmael“, aufzulösen. Mindestens eine dieser Nächte hatte aber Ishmael in Kuba und New Orleans verlebt.

„El Niejo“ ist solides Musizieren, das von einem Kracher gefolgt wird: dem reminiszierenden Klavierstück mit Gesang „Mil congojas“. Es singt Omara Portuondo und ihr tausendfacher Kummer durchdringt den Körper des Hörers. Wenn das Album hier aufhören würde, man würde vor Musikglück den Boden küssen. Aber es folgen noch vier Schätzchen. „Triste alegría“ ist ein Stück, das die verschiedensten Tänze thematisiert und eignet sich so weniger zum Mittanzen als zum Mitwippen, zur traurigen Freude, wie der Titel schon anregt.

Beim nächsten Lied doppelt sich der Albumtitel und so klingt auch das Stück wie der zweieiige Zwilling von „Zamazu“. Zu „Dime que no“ kann man nur „si“ sagen, ja diese Musik ist herrlich. Mit „Y por qué dice un niño“ findet die Schau einen würdigen, verspielten Abschluss. Wenn es nur noch weiter so gehen könnte, aber 68 Minuten von „Zamazu" sind 68 Minuten, in denen die Welt eine schönere ist.

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Mittwoch, 11. Februar 2009

Zum Händel-Jahr 2009 – Ist Händel noch aktuell?

Wer kennt nicht die Chöre “Denn es ward uns ein Kind geboren” oder "Halleluja" aus dem Messias? Wer kennt nicht ein Stück aus der “Wassermusik”? Wer nicht “Ombra mai fù” aus Xerxes? Jeder von uns kennt Händel, aber lieben wir ihn? Von keinem Komponisten wurden in den letzten Jahren so viele Opernrezitals veröffentlicht wie von ihm und doch gilt Wagner als der größere Opernkomponist. Er hat unzählige Kantaten und Gelegenheitsmusiken geschrieben und doch überragt ihn Bach. Er hat perlende Koloraturen für Mann, Frau und Kasatrat geschrieben und doch reden alle nur von Vivaldi. Georg Friedrich Händel ist seit 250 Jahren tot, ist es seine Kunst auch?

Nichts wäre so falsch wie diese Frage zu bejahen. Zweieinhalb Jahrhunderte nach seinem Dahinscheiden ist Mr. Handel so aktuell wie nie zuvor. Seine Musik ist nicht avantgardistisch aktuell wie die von Monteverdi. Sie ist gerade deswegen aktuell, weil sie nicht in unsere Zeit zu passen scheint. Sie ist sozusagen nonkonformistisch. Ihr Stil ist hoffnungsvoll veraltet, ihre Fähigkeit zu bewegen ist aber immer noch von strahlender Lebendigkeit. Händel schrieb Kitsch, weil es die Menschen berührte. Und das tut es immer noch, aber aus dem Kitsch ist Gold geworden. Ob ein Dieter Bohlen auch in 200 Jahren als Genie entdeckt wird? Man will es nicht hoffen, aber unwahrscheinlich ist es nicht. In der Geschichte gäbe es genug Beispiele für so eine Entwicklung. Natürlich war Kitsch nicht immer so verspottet wie heute und natürlich war es nicht immer so verpönt, an die niederen Gefühle der menschlichen Seele zu appellieren statt an den Intellekt. Auch Händel war im 18. Jahrhundert den marktwirtschaftlichen Mechanismen unterworfen und musste mit anderen Komponisten konkurrieren, die beim Publikum mit Werk und Künstlern zeitweise erfolgreicher waren. Auch heute muss sich der anglisierte George Frideric Handel diesen Maßstäben stellen und so verkauft man seine Arien besser mit Händel-Laie Roland Villazón als mit Händel-Fachmann Kobie van Rensburg.

Der Händel von vor 250 Jahren ist immer noch aktuell, der von vor 50 Jahren nicht. Gelten Aufnahmen von Mozart- oder Wagner-Werken aus der frühen bis mittleren Schallplattenzeit als begehrte Sammler- undWiederveröffentlichungsobjekte, verhält es sich bei Händel ganz anders. Der historischen Aufführungspraxis widersprechend, nicht dem Zeitgeschmack entsprechend, so die Urteile. Was ist aber an der Kleopatra einer Lucia Popp falsch? Was an den Kantatenarien einer Marian Anderson? Und wer hat festgeschrieben, dass "Messias" englisch gesungen werden muss, denn schon im 18. Jahrhundert gab es neben dem englischen "Messiah" auch eine deutsche Version? Wer, dass man seine Opern nicht in deutscher Sprache aufführen kann? Wer, dass man Händel nur vermeintlich historisch korrekt spielen darf? 

Und wenn noch das klapperigste Kurorchester ein instrumentales „Ombra mai fù“ spielt, wird es noch Menschen geben, die daran Gefallen finden – und schön ist schließlich, was gefällt. Und Gefallen wird man an Händel auch noch in 250 Jahren finden – ob als Kitsch oder als hohe Kunst.