Fast ein ganzes Jahrzehnt mussten wir auf etwas Neues von der Megadonna auf Platte warten. Zuletzt erschien eine CD mit Chansons von Michel Legrand im Jahr 2000. Eine herrliche Platte war das. Sie knüpft jetzt nahtlos daran an. Wieder gibt es keine streng klassische Kost, sondern Populäres, Traditionelles. Aber die Spannung sei gleich Anfang genommen: Noch nie hat sich eine klassische Sängerin auf diesem gebiet so erfolgreich bewährt.
Der Titel "Roots" weist darauf hin, dass Jessye Norman hier ihren afro-amerikanischen Wurzeln gedenkt. Und wir gedenken mit und erleben ein vokales und sinnliches Feuerwerk.
Ich habe sie mit einem der CD recht ähnlichen Programm dieses Jahr bereits erlebt, bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich allerdings um Mitschnitte aus München, Frankfurt und vor allem Berlin. Jene umfasst zwei CDs und ist damit im wahrsten Sinne des Wortes abendfüllend. Allzu gern hätte ich manche der Delikatessen, die sie uns hier serviert, auch in Leipzig live gehört.
Allein der Umstand, dass wir sie zum ersten Mal auf natürliche Weise singen hören, ist den Kauf dieser Platte wert. Nina Simones "My Baby Just Cares for Me" hat man so mächtig, so prachtvoll noch nie gehört. Dabei klingt Jessye Normans natürliche Stimme ganz ähnlich der von Nina Simone, nur viel luxuriöser. Von vielen Sängerinnen meint man, zu wissen, dass sie auch gute klassische Sängerinnen geworden wären. Bei Jessye Norman weiß man jetzt, dass sie auch eine grandiose Jazz- oder gar Popsängerin geworden wäre.
Sie zelbriert jedes Lied mit ihrer fast kindlichen, gar ansteckenden Lust. Da geraten, vor allem wenn sie klassisch singt, manche Töne durcheinander, mancher altersbedingte Makel wird deutlich, aber nie verliert sie das Lied aus den Augen. Wahrscheinlich ist Jessye Norman nicht einmal eine besonders gute Interpretin – arg affektiert war sie ja schon immer –, sie hat einfach diese unglaubliche, diese göttliche Stimme, die man anbetet und vor Ehrfurcht heilig spricht.
Ob sie Spirtiuals singt ("Another Man Gone Don"), ob Klassisches von Poulenc ("Les Chemins de l'Amour"), den Josephine-Baker-Schlager "J'ai deux amours", den Mackie-Messer-Song, eine verjazzte Habanera (für die frenetische Applaus erntet) oder den Swing-Klassiker "It Don't Mean A Thing", immer fühlt man sich geborgen im Schoß dieser Göttin des Gesangs. Man fragt sich: Mussten es wirklich zehn Jahre sein? Wieso hat sie sich so lange geweigert, neue Platten herauszubringen? Hatte Sie Angst vor der Presse, die allzu schnell bereit ist, eine Legende zu demontieren? Was immer es war. Mehr, Jessye, bitte mehr, Jessye!

2 Kommentare:
Was kann man dazu mehr schreiben, Herr Schönmaier sie haben all das was ich beim hören dieser CD empfinde in Worte gefasst. Danke.
Hallo!
I'm feeling an irresistible urge to dig up the CD of Jessye Norman singing Strauss' Vier letzte Lieder and have it in my stereo for the rest of the year! :o) Thanks for all your wonderful music posts.
Frohe Weihnachten und prosit Neujahr 2010!
Smorg :o)
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