Sonntag, 29. November 2009

Wie eine Hochseilartistin

Platte des Monats: "Kabaret – Live au Casino de Paris" von Patricia Kaas

Große Sänger sind live am besten. Dies gilt auch für Patricia Kaas. Nun ist ein Mitschnitt von ihrer aktuellen "Kabaret"-Tournee erschienen und sie erweist sich wieder einmal als herausragende, bühnensichere Künstlerin.

Bei diesem Tourkonzept hat sich die Sängerin vieles vorgenommen. Sie wollte die Cabaret-Welt der 30er Jahre wiederauferstehen lassen. Durch Tanz, durch Gesanz, durch das musikalische Arrangement, durch eine Lichtspielshow. Es ist ihr gelungen. Wenn man sich auch als konservativer, bescheidener Gesangsfreund weniger Spektakel wünschte, so muss man doch feststellen, dass der ganze Schnickschnack keinesfalls der musikalischen und gesanglichen Qualität schadet.

Patricia Kaas ist stimmsicher wie eh und je. Ihre rauhe, emotionssatte Stimme lässt sie wie eine Hochseilartistin durch das Programm gleiten. Man ist erschüttert angesichts der Tatsache, dass Patricia Kaas an keiner Stelle mit ihrer Stimme an Grenzen kommt, keinen falschen Ton fabriziert, keine Ermüdungserscheinungen aufzeigt. Sie ist eine der besten Sängerinnen unserer Zeit, eine singer's singer und die breite Masse der Menschen weiß das nicht zu schätzen. Sie ist aber auch selbst schuld, nie hat sie ihre Stimme so in den Vordergrund gestellt, wie sie es verdient hätte.

Und dann sieht diese Frau auch noch hinreißend aus. Immerhin ist sie schon über 40. Bei ihr spielt das Aussehen deswegen eine Rolle, weil sie es ganz bewusst einsetzt. Sie zieht hautenge Kostüme an, sie tanzt, sie ist sexy. Diese Kost kann man nicht verachten.

Die deutsch-französische Sängerin präsentiert ein ebensolches Programm, wobei fast alle Lieder auf Französisch gesungen werden, nur "Falling in Love Again" wird alternierend in Englisch und Deutsch gesungen.

Das Programm reicht von tatsächlich in der Zeit, der gehuldigt wird, entstandenen Liedern bis zu Nachkriegs- bzw. gar Neukompositionen. Bei den letzteren sticht der Grand-Prix-Beitrag "Et s'il fallait le faire" heraus.

Natürlich fehlen die größten Hits der Sängerin auch nicht. Doch werden sie in einem neuen Gewand präsentiert, so dass sie problemlos als Cabaret-Nummern durchgehen könnten. Ob "D'Allemagne", "Les hommes qui passent" oder "Il me dit que je suis belle", allen Gassenhauern stehen die neuen Kleider gut.

Für die vorliegende Aufnahme wurden zwei Konzerte im Casino der Paris (30./31. Januar 2009) mitgeschnitten. Das Set besteht aus einer CD und einer DVD. Die DVD enthält das komplette Konzertprogramm plus die zwei Videoclips zu "Et s'il fallait le faire" und "Kabaret". Ton- und Bildqualität sind hervorragend. Die Bildregie ist perfekt und verbreitet eine intime Atmosphäre, so wie man es beim Cabaret kennt und liebt. Das Beiheft enthält die wichtigsten Informationen und ein paar schöne Bilder.

Höhepunkte des Konzerts sind "Mon mec à moi", das sie mit Inbrunst singt, "Une fille de l'Est", bei dem Zirkusdüfte verströmt werden, "Elle voulait jouer Cabaret", das eine Leichtigkeit des Seins erspüren lässt, und das intensive "Et s'il fallait le faire".

Wer das gleichnamige Album der Sängerin nicht hat oder wem es nicht gefällt, der ist bei diesem Set trotzdem richtig. Hier ist eine Sängerin in der Blüte ihres künstlerischen Schaffens. Und wir können dabei sein – dank Aufnahmetechnik immer wieder und immer wieder.

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