Freitag, 27. November 2009

Gefühle im Sekundentakt


Liederabend von Vesselina Kasarova und Charles Spencer am 26. November 2009 in der Semperoper Dresden

Es gibt Sänger, die man mag, und man kann es nicht erklären. So geht es mir bei Vesselina Kasarova. Für mich beste Mezzosopranistin, die es für mich derzeit gibt. Ein sattes Timbre, eine kluge Interpretin. So mein Eindruck von der Schallplatte. Sollte sich dieser Eindruck bestätigen beim ersten direkten Erleben der Sängerin?

Vesselina Kasarova ist eine außergewöhnliche Erscheinung. In Interview wirkt diese Frau immer sehr schüchtern. Das krasse Gegnteil zur dunklen, kräftigen Stimme. Auch auf der Bühne kann sie diese Schüchternheit nicht vertuschen. Vor allem zwischen den Liedegruppen, wenn sie den Applaus einheimst, wirkt sie eher wie ein kleines Schulmädchen als der Weltstar, der sie ist. Aber beim Singen selbst ist sie das Bühnentier, das man kennt.

Foto: Matthias Creutziger/www.musik-in-dresden.de

Auf dem Programm standen jeweils zur Hälfte deutsche und russiche Kunstlieder. Schumann, Brahm, wieder Schumann, Brahms. Tschaikowski, Rachmaninow. Alle in Liedergruppen zusammengefasst. Eine liedgenaue Rezension wäre an dieser Stelle zuviel. Eine Einschätzung der Leistung ist sinnvoller.

Vergleicht man den Abend mit der vor genau zehn Jahren erschienen Rezital-CD mit Schuber-, Schumann- und Brahms-Liedern, so wird zuerst die Abnahme des stimmlichen Vermögens deutlich. Ist ihr schon früher der Legato-Gesang nicht sehr leicht gefallen, so ist jetzt noch problematischer. Die Artikulation hat sich im Vergleich zur CD-Einspielung verschlechtert. Wer den Text nicht vor sich liegen hatte oder auswendig beherrschte, konnte ihr nicht folgen. Auch ihre deutsche Aussprache hat sich nicht verbessert; problematisch bei manchen Wörtern. Da werden Umlaute beliebig verfärbt, die ch-Laute verhärtet. Die Stimme ist schwärzer geworden. Die Vortragsweise sehr theatralisch.

War der Abend also ein Reinfall? Keinesfalls. Enttäuschend? Ein wenig. Aber jede Sekunde dieses Liederabend hat sich gelohnt. Vesselina Kasarova ist eine gottbegnadete Sängerin, die wunderbar Gefühls- und Bilderwelten malt. Allein dafür lohnt es sich, die gebürtige Bulgarin zu erleben.

Program:
1. Schumann: Der arme Peter op. 53 Nr. 3
2. Brahms-Lieder
3. Schumann-Lieder
4. Brahms-Lieder
5. Tschaikowski-Lieder
6. Rachmaninow-Lieder

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