Am heutigen Tage wäre Lucia Popp 70 Jahre geworden. Sie hätte auf eine jahrzehntelange Karriere zurückblicken, von alten Zeiten erählen und ihren Ruhm genießen können. Doch das Leben hat es anders mit ihr gemeint. Ein Hirntumor hat sie im Alter von 54 Jahren aus den Armen des sie liebenden Publikums gerissen. Bis zuletzt hielt sie ihre tödliche Krankheit selbst vor engen Freunden geheim. Sie wollte kein Mitleid. Das ganze Leid des Lebens hat sie auf sich alleine genommen. Und so hat sie auch ihre ganze Karriere lang gesungen. Ganz grundehrlich war ihr Gesung. Aus dem Herzen gesungen. Aus der Tiefe der Seele. Worthülsenliebhaber nennen es "slawische Seele". Das war es aber nicht. Es war die menschliche Seele, aus der sie gesungen hat.
Die 1939 bei Preßburg/Bratislava geborene Sopranistin hat wie keine andere Sängerin eine Wärme in ihrer Stimme, die selbst das kälteste Herz zum Schmelzen brachte. Von der Königin der Nacht, einer der härstesten Partien für Koloratursopran, bis zur Elisabeth im "Tannhäuser", einer anspruchsvollen Rolle aus dem jugendlich-dramatischen Fach, sang die Sängerin alle Partien, nach denen sie sich sehnte. Irgendwann war es ihr leid, die Grenzen der Stimme zu akzeptieren und nur die Rollen zu singen, die ihr gut taten. Sie nahm Risiken auf. Die Ergebnisse überzeugten nicht immer, nicht alle.
In der Oper triumphierte sie. Aber beim Liederabend glänzte sie. Bis heute ist sie als Liedsängerin viel zu unterschätzt. Ihre Einspielungen der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss stehen denen von Jessye Norman oder Elisabeth Schwarzkopf in nichts nach, wenn sie auch auf andere Aspekte Wert legen. Vor allem die Einspielung unter Klauss Tennstedt ist brillant. Wer hat schon so sehnsuchtsvoll "Beim Schlafengehen" gehört? Rusalkas Arie an den Mond, die Popp benso einzigartig gesungen hatte, fällt hier als Äquivalent ein.
Ins Museum der Aufnahmekunst gehört aber vor allem ihre Interpretation der Wunderhorn-Lieder von Gustav Mahler. Unter dem Dirigat von Leonard Bernstein kann sie die besagte Seele so intensiv einsetzen, dass dem Hörer entweder die Augen tränen oder das Herz bricht. So überzeugend ist sie hier vor allem, weil diese Lieder so volkstümlich sind. Und im Volkstümlichen war sie, die von Kollegen als Intellektuelle Anerkannte, am besten. Ob es sich um mährische Kunstlieder im Volkston, die Brahms'schen Volkslieder oder um bekannte deutsche Kinderlieder handelte, sie sang alles mit der gleichen Hingabe und Beseeltheit.
Es ist schwer, Lucia Popp dadurch zu huldigen, dass man ihre besten Lieder, ihre besten Opernrollen aufzählt. Das Faszinierende an ihr war ihre Stimme, war der Seelenton. Sie hatte keine große Stimme. Sie hatte keine voluminöse Stimme. Was sie aber mit ihrem Stimmmaterial gemacht hat – die Bandbreite ihrer Opernpartien beweist es – war einmalig in der Geschichte des klassischen Gesangs. Heutzutage nehmen ja fast alle Klassikstars Jazzplatten auf, wahrscheinlich wäre sie auch hier unschlagbar gewesen. Denn Soul ist ja nur das englische Wort für Seele.

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