Samstag, 29. August 2009

Die verlorene Tochter

Platte des Monats & Neuerscheinung des Monats: "I Look To You" von Whitney Houston

Barbra Streisand hat über 60 Alben, Madonna hat elf reine Studioalben, Mariah Carey 14, Céline Dion sogar 23 aufgenommen, bei Nana Mouskouri ist der Überblick schon längst verloren. Die Sängerin, die aber so stark wie keine andere für ihre Stimme bekannt ist, hat jetzt lediglich ihr siebtes Studioalbum auf den Markt gebracht. Whitney Houston hat sich im Aufnahmetudio nicht allzu häufig aufgehalten. Und in den letzten sechs Jahren hat sie vieles gemacht, aber wenig Musik. Sie hat ihr Leben geordnet und ist jetzt nun wieder da, wo sie hingehört: auf der Bühne und im Plattenschrank.

Am 28. August 2009 erschien in Deutschland ihr lang erwartetes und groß angekündigtes Studioalbum mit dem Titel "I Look To You". Es ist ein Album, das nicht enttäuscht, musikalisch aber auch nicht überrascht.

Die Lieder

Eröffnet wird das Album mit der ersten Singleauskopplung "Million Dollar Bill", das Alicia Keys auf eigene Initiative für Whitney Houston geschrieben hat. Herausgekommen ist ein simples, launiges, wenig den Geist forderndes Tanzstück, zu dem die Hände in die Luft schießen und die Füße Kreise drehen. Das Lied, dass Loleatta Holloways Soulnummer "We're Getting Stronger" samplet, ist ein Instanthit, soviel steht fest. Auch wenn es vielleicht nicht die beste Nummer des Albums ist, verrät es das immense Kompositionstalent Alicia Keys'. R. Kelly versucht mit zwei Nummern daran heranzureichen. Er muss auch gar nicht erbleichen. Das Titelstück ist ein gelungenes Glaubensbekenntnis in Balladenform. Die Schlussnummer "Salute" ist eine herrlich vulgäre Abrechnung mit dem Ex. Ebenfalls mit zwei Lieder ist Akon vertreten, der die Musikwelt in zwei Lager spaltet. Was er aber beisteuert, hat Hand und Fuß. "Like I Never Left" impliziert, Whitney Houston sei nie weg gewesen. Das war sie aber, doch wo sie jetzt wieder da ist, ist es wirklich so, als sei nichts dazwischen gewesen. "I Got You" von Akon ist eine beatlastige Fühldichgutnummer.

Einer der Glanzpunkte auf dem Album ist vielleicht "For The Lovers", das in das eine Ohr hineingeht und aus dem anderen gar nicht hinaus will. Zum "My Lover Is You Lover" dieses Albums könnte aber das von dem norwegischen Produzententeam StarGate inszenierte "Call You Tonight" sein, das textlich harmlos, musikalisch aber zielsicher auf Partnerfang geht. In der Mitte des Albums finden sich zwei Titel, die wohl am sehnlichsten erwartet wurden: das von Diane Warren geschriebene "I Didn't Know My Stength", das von Stärke und Überwindung einer Krise handelt (gibt es jemanden, der sich damit nicht identifizieren kann?) und der Leon-Russell-Klassiker " A Song For You". Die Diva hat das Lied bereits live gesungen, geradezu orgasmisch 1991 bei dem Willkommenskonzert für die amerikanischen Soldaten des Irakkriegs. An diese Version kommt die neue Produktion nicht heran. Das liegt vor allem aber daran, dass man sich dafür entschieden hat, daraus eine Euro-Tanznummer zu machen. Keinesfalls eine schlechte Idee, aber die Vergleiche liegen zu nahe.

"Worth It" könnte auch ihrem vorletzten Studioalbum "Just Whitney" entnommen sein. Das Lied kommt harmlos daher, entwickelt aber mit der Zeit an Ohrwurm- und Zurücklehnqualität. "Nothin' But Love", wofür sich unter anderem Fernando Garibay (Britney Spears, Paris Hilton, Enrique Iglesias) verantwortlich zeichnet, erinnert dann auch an die 80er, an Zeiten, in denen Whitney Houston nicht wusste, wie sie es wissen würde, und mit wem sie tanzen sollte. Aber zeitgemäß aufgearbeitet. Ein paar Balladen hätten dem Gehalt des Albums gut getan, aber man hat sich wohl dagegen entschieden, da die Zeit der großen Balladen schon lange vorbei ist.


Die Stimme

Viel zu häufig wird in den Artikeln, die im Vorfeld und zu der Albumveröffentlichung erschienen sind, geklagt, Whitney Houston hätte ihre Stimme verloren. Tagesjournalisten erklären sich zu Stimmexperten, tatsächlich ist der Stimmumfang an sich ist aber gar nicht so sehr geschrumpft, wie dies angenommen wird. Ganz im Gegenteil hat sie im Altbereich sogar dazugewonnen. Der Tonumfang ist es auch nicht, der unter dem Lebensstil und dem Älterwerden der Sängerin gelitten hat, sondern das Volumen, die Elastizität und die Durchschlagskraft.

Auf dem Album hört man zum Beispiel viel öfter hohe Töne als auf "My Love Is Your Love", ihrem letzten großen Studioalbum. Hier rettet sie sich, wenn es das Brustregister nicht hergibt, ins Kopfregister. Was man dafür nur selten, fast gar nicht hört, sind robuste Schreier, die nicht ins Schrille gehen (à la in "You'll Never Stand Alone" aus dem erwähnten Vorvorvorgänger). Eine Bereicherung ihrer Stimme findet sich in dem verstärkten Vibrato, was vor allem bei "I Didn't Know My Own Strength" nachzuhören sind. Wenn sie dieses Vibrato ausweitet, ohne es in ein Tremolo ausarten zu lassen, könnte sie einiges an Ausdruck dazugewinnen. Insgesamt hat sich die Stimme aber im Vergleich mit den vergangenen Jahren stark verbessert und ist im Großen und Ganzen dem Niveau von vor zehn Jahren ebenbürtig.

Hinzugefügt werden muss aber noch, dass sie auf dem Album gar nicht ihre stimmlichen Qualitäten zeigen kann. Diese liegen nämlich mittlerweile nicht mehr in der großen Vokalakrobatik, sondern in den im Gospel und Jazz beheimateten Melismen und der differenzierten Interpretation. Wenn man Whitney Houstons aktuelle Stimme bewerten will, gibt es zwei Maßstäbe: sie selbst vor zwanzig Jahren und die Sängerinnen, die sich heutzutage so schimpfen. Legt man ersteres Maß an, dann ist das Urteil nicht vernichtend, aber bitter. Legt man zweiteres an, so wird klar, dass diese Frau, die Gospel und Soul im Blut hat, in der populären Vokalmusik immer noch das Beste ist, was man für Geld erhalten kann.

Es hat sich gelohnt

Vielleicht kommt das Album nicht ganz an das Debüt der Newarkerin heran (ich neige dazu, dass es das doch tut), vielleicht wird es nie zu den besten Popalben aller Zeiten gezählt (ich tue dies). Doch eines ist es: Es ist ein historisches Album. Es ist ein Album, das die verlorene Tochter der Pop-Musik in den Kreis der Megastars wieder aufnimmt, aus dem sie nie verschwunden ist, aber zumindest unsichtbar war. Es ist keine Rückkehr, die musikalisch beeindruckt, auch wenn alles auf dem Album gut geschrieben, makellos produziert und vor allem eindringlich gesungen wurde, aber eine Rückkehr, die beeindruckt.

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1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi André, haben bei Wetten dass...? gesehen, dass du der größte Whitney Houston Fan im Saal warst :P

Hoffen du kannst trotz der Aufregung schlafen :D *fg*