Donnerstag, 11. Juni 2009

Mein süßer Zucker

Opernaufnahme des Monats: Johann Georg Conradis „Ariadne“ unter Paul O'Dette und Stephen Stubbs


So wichtig Georg Friedrich Händel als Komponist ist und so angemessen die im gewidmete Beachtung in seinem 251. Todesjahr auch ist, darf man doch nicht vergessen, dass es auch andere Opernkomponisten in der Barockzeit gab. Auch in Deutschland. Zum Beispiel Johann Georg Conradi (1645-1699). Deswegen war der Fund der lange verschollen geglaubten Oper „Ariadne - Die schöne und getreue Ariadne“ geradezu sensationell. Zumal es sich um eine wirklich deutsche Oper handelt, die zwar Merkmale der französischen und italienischen Opernstile in sich vereint, aber doch in deutscher Sprache geschrieben ist. Nach dem Kennenlernen dieses Werks ist man geneigt ob der Tatsache, dass es keine weiteren erhaltenen Kompositionen des in Bayern geborenen, aber in Hamburg tätigen Meisters gibt, in Trauer zu verfallen. Dass diese Oper erst 33 Jahre (2003) nach der Wiederentdeckung in den USA (so wichtig, das Festival für Alte Musik dort auch sein mag: nur in Boston!) zum ersten Mal seit dem 18. Jahrhundert aufgeführt wurde, ist unverständlich und ein Skandal. Zu dem Glücksgefühl, das diese Oper verursacht, tragen aber ganz im Wesentlichen die Sänger bei. Doch zuerst zur Oper.

Kühn behauptet, aber wohl wahr ist, dass die erzählten Inhalte von Barockopern eher zweitrangig sind. Dazu kommt, dass die Handlungen in den Werken jener Zeit so verzwickt sind, dass nur der Allergescheiteste noch den Durchblick behält.

In diesem Werk geht es im Großen und Ganzen um die kretische Prinzessin Ariadne, Tochter von König Minos. Ihr Geliebter und Athener Theseus soll gegen den unbesiegbar erscheinenden Minotaurus und Sohn von Ariadnes Mutter kämpfen. Ariadnes Mutter Pasiphaë drängt sie, Evanthes statt Theseus zu heiraten. Ariadnes Schwester liebt ebenfalls Theseus. Am Ende besiegt Theseus den Stier. Evanthes entpuppt sich als Gott des Weines Bacchus. Theseus und Phaedra brennen durch. Ariadne und Evanthes/Bacchus fahren schließlich mit dem Segen der Venus zum Himmel auf. Sie sehen: Die Handlung, die hier nur im Ansatz und mit großen Lücken widergegeben wurde, ist nebensächlich und undurchschaubar.

Kommen wir zu dem, was die Oper wirklich ist: ein Fest des Gesanges und der Musik. Die Kodirigenten Paul O'Dette und Stephen Stubbs können hier ein Ensemble vorzeigen, das nicht aus den Titelblattstars besteht, aber auf einem sagenhaften Niveau schwebt. Selten habe ich eine Oper in einer so durchweg guten Besetzungen gehört. Die einzelnen Sänger seien vorgestellt:

Karina Gauvin: Die kanadische (wie viele außerordentlich begabte Sänger aus Kanada es doch gibt!) hat eine ideale Stimme für Barockoper, was sie auch vielfach schon auf Aufnahmen belegt hat. Doch als Ariadne setzte sie dem ganzen noch eine Krone auf. Wie sie mit ihrem Sopran die dicksten Tonseile in feine schwebende Fäden verwandelt, ist berauschend. In ihrer Auftrittsarie singt sie: „ Grimmes Glück! nach allen Plagen,/ Sage doch wo find ich Ruh?“ Der Zuhörer findet sie in dieser Sängerin von Weltformat. In der Leidensarie „Ersticket, erdrücket, ihr Seuffzer, mein Hertze“ beweist sie ihr Talent, Gefühlslagen in Musik umzuwandeln. Im dritten Akt erleben wir dann eine Sternstunde des kultivierten Koloraturgesangs, wenn die Quebecerin die Wutarie „Ihr Furien, auff, auff!" in ein vokales Feuerwerk verwandelt.

Matthew White: Der Altist ist unter den momentan so zahlreichen in weiblichen Stimmlagen singenden Sängern einer der besten. Seine Stimme verrät immer sein Geschlecht, ist nicht fraulich, dafür aber auch genauso wenig weibisch. Das ist erfrischend. Und er bringt ein wunderbares unverwechselbares Timbre in die Oper, das er dann in der letzten Arie der Oper „Erinnre dich, mein Licht, daß mir allein gebührt“ zu unserer Freude in wunderschön elegischer Weise zum Besten geben kann.

Jan Kobow: Der deutsche Tenor ist in dieser Oper vor allem ein – das ist positiv gemeint – Ein-Hit-Wunder (auch wenn er später noch einiges zu singen hat). Er kann in der Scherenschleiferszene sein komödiantisches wie gesangliches Geschick zeigen. Damit kommt ihm unschätzbar zugute, dass er Deutsch zur Muttersprache hat. So kann er jede Silbe mit dem ihr nötigen Gewicht versehen, komödiantische Akzente setzen, sächseln und allerlei andere Tricks herbeizaubern.

Barbara Borden: Die amerikanische Sopranistin hat die undankbare Rolle von Ariadnes Schwester. Doch entpuppt sie sich für sie als Geschenk. Der helle hohe Sopran verzaubert mit fein ziselierten Koloraturen und scharfer Akzentuierung der musikalischen Sprache. An einigen Stellen wirkt die Stimme etwas schrill und erinnert an einen Kontratenor. Sie harmoniert aber zum Beispiel vollkommen mit dem sanften Tenor James Taylors in der Arie „Geneigete Liebe, beglücke die Lust“. Außerdem hat sie im dritten Akt eine zauberhafte Nachtarie, in der sie ihre lyriche Stärke zeigen kann: „Brich an, brich an, gewünschte Nacht“.

James Taylor: Die wahrscheinlich schönste Stimmfarbe unter allen Sängern dieser Aufnahme hat der amerikanische Tenor. Zum Träumen verführt er in Arie und Duett mit Ariadne „Nimm, schönster Engel, Herz und Mund“. Anregend, um nicht zu sagen erregend, wird es dann in der kurzen Arie „Eilet, ach, eilet“ aus dem zweiten Akt. Er eilet, er singet, er bezaubert.

Ellen Hargis: Die Sängerin, die die Mutter der Ariadne und die Venus singt, hat mit „Wann sehnliches Wünschen“ einen der größten Ohrwürmer der Oper – und sie meistert das fabelhaft. Und auch der zweite große Ohrwurm der Oper im dritten Akt gehört ihr: „Nun edle Rache, sol dein Gifft,/ Mein süsser Zucker werden“. Schade, dass das Stück so kurz ist. Text und Musik verschmelzen hier in einer seltenen Harmonie.

Julian Podger: Der aus England stammende Sänger von Theseus' Freund Pirithous hat mit „Alles ist nur Eitelkeit“ eine nicht nur musikalisch schöne Arie, der er bravourös meistert, sondern auch eine mit einen klugen Text. So singt er: „Singt nicht dieser Erden=Freuden/ Die mit so viel Lüsten weiden,/ Güter einer kurtzen Zeit?/ Wollust, Ehr und große Netze“.

Die Passacaille mit anschließendem Sextett, was den vorletzten Auftritt bildet, fasst dann noch einmal alles, was außerordentlich an dieser Oper ist, zusammen: wunderschöne Melodien und Gesangslinien, bei denen die Sänger brillieren können, aber die nicht allein Spielereien sind. Der Chor darf dann zum Schluss der Oper heilsam und versöhnlich singen: „Ob gleich die Zähren¹,/ Ein Zeitlang uns beschweren,/ Komt doch zuletzt,/ Was Geist und Seel ergetzt.“

Diese Live-Aufnahme aus Boston, die beim Label CPO als 3-CD-Set erschienen ist, lohnt sich also ohne Bedenken. Des Gesangsensembles wegen, aber auch des gerrlich aufspielenden Boston Early Music Fetival Orchestra und des exzellenten dazugehörigen Chores. Das informative, reich bebilderte und mit dem Libretto (inklusive englischer Übersetzung) versehene Beiheft ist dazu noch ein guter Bonus.


Die Aufnahme bei jpc.de bestellen.

¹ Tränen