Sonntag, 7. Juni 2009

Beschwörende Schönheit

Platte des Monats: Lieder, Chansons, Mazurkas und Canzoni von Pauline Viardot-Garcia, gesungen von Isabel Bayrakdarian, am Klavier begleitet von Serouj Kradjian


Komponistinnen haben es schwer: Sie sind meistens nicht weniger begabt als ihre männlichen Kollegen, aber ein Beethoven mit Rock, das ist wohl für manchen Musikfreund eine zu zu große Zumutung. Die Schwester vom diesjährigen Jubilar Felix Mendelssohn, Fanny Hensel, gilt für manchen Kenner als das größere Talent, aber sie ist noch weniger populär als ihr jüngerer Bruder. Die Frau Robert Schumanns, Clara (früher auf dem 100-DM-Schein abgebildet), war nicht nur eine große Klavierspielerin, sondern auch eine ihrem Mann nicht unterlegene Tonsetzerin. In die Reihe der wenig bekannten Komponistinnen, die mehr durch ihre Verwandtschaft bekannt sind, fügt sich auch Pauline Viardot-Garcia ein. Sie war Tochter des legendären Rossini-Tenors Manuel García und Schwester der mythosumrankten Maria Malibran (Cecilia Bartoli hat ihr vor kurzem ein diskographisches Denkmal gesetzt), Muse von Iwan Turgenew, Sängerin, aber vor allem auch eine geniale Komponistin. Die heute 35-jährige Sängerin Isabel Bayrakdarian zollt gemeimsam mit ihrem Begleiter Serouj Kradjian den Viardo-Garcia gebührenden Tribut mit 23 Liedschöpfungen.

Im engeren Sinn sind es nicht nur Lieder. Es sind elf französische Mélodies (Viardot-Garcia war gebürtige Pariserin), vier deutsche Lieder (vor allem Übersetzungen russischer Gedichte; die Komponisitn lebte lange zeit in Baden-Baden), vier Mazurkas auf Kompositionen Friedrich Chopins und vier italienische Canzoni.

Die junge Kanadoarmenierin hat einen wunderbar warm timbrierten Sopran mit einer geläufigen Gurgel und viel Charme. Fast sensationell sind ihre gesungenen Tonleitern. Wer sich umhört, weiß, dass solche technischen Finessen keinerlei Selbstverständlichkeiten (mehr) sind. In diesem Bereich erinnert sie an die junge Montserrat Caballé. Ganz hervorragend ist dies alles nachzuhören in der Mazurka „Seize-ans“.

Am schönsten sind vielleicht die deutschen Lieder, hier vor allem „Die Beschwörung“ nach dem russischen Dichterfürsten Alexander Puschkin. Wie eindringlich die hübsche Armenierin die Rolle des nach Leila sehnenden Trauernden übernimmt, ist ein Fest für jeden Melomanen und Freund der Dichtkunst. In der Tat beschwörend, beschwörend schön. Isabel Bayrakdarians deutsche Aussprache lässt an mancher Stelle zu wünschen übrig, insbesondere die Umlaute gelingen ihr nicht immer und der ein oder andere Konsonant gerät recht unscharf (was beim Deutschen im Gegensatz zum Französischen sehr wichtig ist). Aber wenn sie mehrmals „Komm her!“ in diesem einem Schubert-Lied in nichts nachstenden Lied singt, dann möchte man es ihr gleichtun und „Sing mehr!“ rufen.

Die Mélodies sind stark in dem französischen Idiom verhaftet, nie aber musikalische Beliebigkeiten. Anders als der Name andeutet sind diese kleinen Werke nicht in erster Linie der Melodie gewidmet, sonder dem Wort. Diese lieh sich Viardot-Garcia bei Théophiel Gautier, Alfred de Musset und anderen. „Bonjour, mon cœur“ des Pléiade-Dichters Pierre de Ronsard wird dann aber, es ist immerhin ein Gedicht aus dem 16. Jahrhundert, ein goldener Klangteppich ausgerollt, auf dem sich die Sängerin bequem bewegt. Bei den Mazurkas, die auf Chopin-Mazurkas basieren, geht es dann insgesamt aber etwas fröhlicher, melodiöser zu. Hier kann Bayrakdarian ihr stimmliches Potential entfalten mit allerlei Verzierungen und den besagten Tonleitern.

Die italienischen Canzoni nach unbekannter Quelle schließlich sind glitzernde Perlen, die aber eher Zugaben als das Herz der Aufnahme sind.

Schön ist, dass das Beiheft alle Texte enthält. Da das Rezital beim kanadischen Label Analekta erschienen ist, handelt es sich um ein zweisprachiges Beiheft (englisch und französisch), außer bei den deutschen und italienischen Liedern, wo auch die gesungenen Texte abgedruckt sind. Leider war die Redaktion wohl nicht sehr deutschkundig, es sind einige Schreibfehler enthalten. Immerhin ist der Kommentar von Guy Marchand sehr erhellend.

Alles in allem ist dieses Album von 2004 eine wichtige Repertoireerweiterung und – dessen ungeachtet – eine große interpretatorische Leistung, zu der auch Serouj Kradjian am Kalvier mageblich beiträgt.

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