Künstlerin des Monats
Es ist ein Kreuz mit dem Schlager. Kaum eine andere Musikgattung hat ein so negatives, klischeebehaftetes Image wie der Schlager. Doch der Schlagerfreund weiß, dass seine Musik eine grundehrliche ist, da sie von vornherein eingesteht, dass sie eine Welt vorspiegelt, dies es nicht gibt, aber geben sollte, und dass sie von der deutschen Sprache und der damit verbunden Empfindungsweise lebt, die andere Musik ihnen nicht geben kann, wenn sie nicht gerade auf Volksmusik oder Klassik ausweichen wollen. Und wenn es dann noch im sogenannten Schlager so eine Perle gab wie Alexandra, zu deren Fangemeinde sich selbst dem schlechten Geschmack unverdächtige Menschen zählen, dann kann Schlager auch etwas Gutes sein. Und das Beste, was dem Schlager jemals passiert ist, war sie wohl. Alexandra!
Was hatte die in Ostpreußen als Doris Treitz geborene Sängerin auch nur für eine Stimme. Ein wunderschöner Alt mit geringem Umfang, aber mit betörendem Timbre. Und sie war auch einfach eine fantastische Sängerin, wenn Sänger vom Singen kommt (Amerikaner nennen so etwas „a singer's singer“).
Das Schicksal meinte es aber nicht sehr gut mit ihr. Die Sängerin starb 1969 im Alter von 27 Jahren. Sie hatte eine sehr kurze Karriere. Die große Zeit, die sie erlebt hat, dauerte nicht einmal zwei Jahre. Wie bei allen großen Künstlern, die früh gestorben sind, hat auch bei ihr der Unfalltod einen Mythos hinterlassen.
Sie hat aber keinen Mythos nötig. Was uns die mit einem Russen verheiratete Musikerin hinterließ, ist genug (und es sind nur etwas über 60 Lieder), um sie zu einer der größten Sängerin zu machen. Nicht nur in Deutschland. Weltweit.
Wenn jemand „Mein Freund, der Baum“ immer noch für einen kitschigen Hippie-Song hält, hat nicht verstanden, dass es die Sängerin ernst meinte. Sie wollte die Welt mit ihrer Musik aufwecken und sie so besser machen. Michael Jackson tut dies und ist der größte lebende Star. Das Lied vom Baum ist nicht nur musikalisch beeindruckend, es ist vor allem Alexandras Gesang, der fasziniert.
Sie hat nicht nur in der deutschen Sprache reüssiert. Sie sang vor allem auch Lieder in russischer Sprache (öfter natürlich russische Lieder auf Deutsch) aufgrund ihrer Ehe mit einem Russen und ihrer ostpreußischen Herkunft. Sie sang aber auch auf Englisch und ganz hervorragend auf Französisch. Ihre Interpretation von Gilbert Bécauds „Je t'attends“ ist, was die Phrasierung angeht, eine Offenbarung. Selten hörte man aus deutschen Landen in der populären Musik eine Gesangskunst in solcher Excellence.
Aber auch ein Lied wie „Zigeunerjunge“ (überhaupt hat sie sehr viele Zigeunerweisen gesungen) ist abgesehen von der Eingängigkeit ein Zeugnis der hohen Musikalität der Sängerin und ein Monument, das uns nicht vergessen lässt, was wir nicht wissen können, aber wissen dürfen: Diese Sängerin hätte uns und der Welt noch sehr viel mehr gegeben als wir von ihr haben, und wofür wir dankbar sein müssen.
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