Künstlerin des Monats & Neuerscheinung des Monats
Ist sie es oder ist sie es nicht? Doch, sie ist es. Vesselina Kasarova ist die wohl beste Mezzosopranistin unserer Tage. Eine Sängerin mit Verstand und Stimme. Zwei Attribute, die nur wenige Sängerinnen mit solch einer Selbstverständlichkeit für sich beanspruchen können. Immer wenn die Wahlschweizerin ein Interview gibt, hat sie etwas zu sagen, verliert sich nie in Trivialitäten oder Klatschgerede. Eine wahrlich kluge, aber eben auch sehr gute Sängerin.Mit dem aktuell erschienenen Rezital "Passionate Arias" beginnt für die Rossini-, Händel- und Mozart-Spezialistin ein neuer Abschnitt in ihrer Sangeskarriere. Sie visiert das dramatische Mezzo-Fach an. Dass Gesangsfach nicht bedeuten muss, in eine Schublade gesteckt zu werden, hat die gebürtige Bulgarin bewiesen, indem sie ganz bewusst das slawische Repertoire mied. Sie wollte den ihrer Meinung nach - und es ist wohl wahr - im Opernbetrieb herrschenden Rassismus nicht einfach so hinnehmen. Auf der vorliegenden CD kehrt sie aber für eine Arie zu ihren Wurzeln zurück (einem breiten Publikum wurde sie durch die Polina in Tschaikowskis Pique Dame an der Seite von Mirella Freni bekannt) und singt die Abschiedsarie der Jungfrau von Orléans aus Tschaikowskis Oper. So recht passen will die Arie in das Gesamtprogramm mit ansonsten nur französischen und italienischen Titeln und eigentlich gehört das Herz der Sängerin auch der Oper der französischen und italienischen Meister. Man hört es.
Denn was für eine Verdi-Stimme die Frau hat! Eine Azucena ("Stride la vampa" aus Il trovatore), wie man sie nie gehört hat. Kein dreckiges, altes Zigeunerweib, wie man sie sonst hört, sondern eine stolze, prächtige Zigeunerin. Es bleibt auf diesem hohen Niveau bei den Arien aus Don Carlo: Das selten zu hörende "Canzone del velo" gestaltet sie lyrisch, das oft gehörte "Don Fatale" dramatisch. So möchte man Verdi, so kann man sich an ihm nicht satthören, so und nicht anders. Schnell, Frau Kasarova mehr Verdi. Er hat sie nötig!
Für mich der Höhepunkt auf der CD ist Santuzzas Klagegesang ("Voi lo sapete, o mamma" aus Mascagnis Cavalleria rusticana). Jeder Ton ist ein Herzstoß, bei dem der Hörer der Sängerin erliegt. Sicherlich, Vesselina Kasarova ist - wie es einmal ein Kritiker ausgedrückt hat - stets hysterisch im Ton. Aber in dieser stetigen Hysterie schafft sie Abstufungen, zu denen so mancher "ruhige" Sänger nicht im Stande ist. Solche Sängerinnen gibt es nicht mehr, da hat Frau Kasarovas Gesangslehrerin Ressa Koleva, die das in einer Dokumentation sagte, schon recht. Nur eine ...
Im Zentrum der CD steht aber die Carmen Bizets und es ist eine prächtige, keinesfalls vulgäre, eine selbstbewusste, keine männermordende Carmen. Die Habanera hat man ja schon oft mit großer Befriedigung gehört, aber was die Mezzosopranistin mit dem "Chanson bohème" macht, ist einfach ein Vergnügen. Ein einfacher Schrei aus der Kehle einer großen Sängerin und schon ist es so, als ob man das Stück zum ersten Mal hört. Mit der Carmen will die Sängerin Furore machen und sie wird es auch. Trotzdem ist die Carmen nicht ihre stärkste Rolle.
Den Abschluss machen zwei Arien aus Saint-Saëns' Meisterwerk Samson et Dalila. Die Sängerin hatte bereits 2002 für ihr französisches Rezital "Nuit resplendissante" daraus eine Arie (nämlich "Amour viens aider ma faiblesse") aufgenommen. Diesmal folgen die zwei anderen berühmten Titel. Eine wahrhaftig verführerische Dalila.
Nicht vergessen werden sollte der Auftakt der CD mit der Arie der Adriana Lecouvreur von Cilea ("Acerba volutta, dolce tortura"). Ein Start, der schon verrät, wohin die Reise geht: in das Land der Klänge, denen man nicht widerstehen kann.
Vesselina Kasarova beweist 14 Jahre nach ihrem diskographischen Solo-Debüt (mit Orchesterliedern von Berlioz, Chausson und Ravel), dass sie immer noch eine Große in der Klassik ist. Aber Größe bemisst sich nicht darin, ob dicklippige High-Society-Ladys über einen reden oder ob man in Fernsehsendungen auftritt, deren kultureller Wert gleich Null ist. Vesselina Kasarova ist groß, weil sie eine Gnade Gottes für die einen, eine Gabe der Natur für die anderen und eine große Stimme für alle hat.

1 Kommentare:
schön, dass Sie dies alles so sehen und vor allem hören! ich kann Ihnen nur beipflichten; allerdings ist in letzter Zeit sehr viel Vernichtendes
über Frau Kasarova zu lesen, so dass ich schon so manches Mal eine Verschwörung vermute:-); naja die Damen und Herren in den diversen Foren haben bestimmt eine musikalische Grundausbildung und wissen immer von was sie reden, bzw schreiben:-)
Von so her fand ich Ihre Kritik zu der neuen CD von VK sehr erfreulich.
Ich habe Frau Kasarova schon viele Male live erlebt und sie schlägt mich immer wieder in Ihren Bann. Sie kann etwas, was vielen neuen Jungstars m.M nach abgeht: berühren und mit ihrer Stimme erzählen; da wird es nie langweilig und da stecke ich gerne mal Registerbrüche weg, die so höre ich es zumindest, eher als Mittel zum Zweck eingesetzt werden. Naja und mit dem sogenannten Mannerismus
kann ich auch gut leben (ich sehe diesen auch eher als Mittel zur Gestaltung)! Ich denke mal, Frau Kasarova ist eine Sängerin, die genau weiß, was sie macht und in letzter Zeit, gefällt das vielen Zuhörern und Kritikern nicht. Aber muss alles gleich klingen? Da schätze ich doch mehr Individualismus!
mfg Suspa
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