Sonntag, 6. November 2011

Lieder für Jedermann

Dionne Warwick im Großen Festspielhaus beim 16. Salzburger Jazz-Herbst

Dionne Warwick sang Lieder, die jeder in jedem Alter kennt. Ihr Namen hingegen ist nicht jedem bekannt. Und nach all den Jahrzehnten im Rampenlicht ist sie als Künstlerin immer noch nicht am Ende. Denn die 70-Jährige ist stimmlich und musikalisch unverändert äußerst vital.

Nachdem man in der Stadt an der Salzach gut zehn Jahre um sie gebuhlt hatte, willigte sie für die diesjährige Ausgabe des Salzburger Jazz-Herbstes endlich ein. Im ausverkauften Großen Festspielhaus erwies sich das Publikum dafür würdig und dankbar.

Vor der großen Diva kam aber erst einmal eine kleine. China Moses, die Tochter von DeeDee Bridgewater, überzeugte mit ihrem Repertoire aus alten Gassenhauern der Grandes Dames der Jazz- und Blues-Musik. Ob Dinah, Bessie, Esther oder Mamie, China vereinte Tribut mit Individualität. Ihre Bühnenpräsenz, ihr Humor und ihre stimmliche Potenz wusste das Publikum zu schätzen und bewegte sie außerplanmäßig zu einer Zugabe. Eine großartige Entdeckung! Sie hat viel vor sich.

Dann kam Dionne Warwick. Was lässt sich über eine Frau sagen, die ohne Übertreibung als die wahre "Queen of Pop" bezeichnet werden könnte? Sie sang ihre größten Hits. Ganz liebevoll und stimmgewaltig gelangen vor allem "Alfie" (siehe Video) und "I'll Never Love This Way Again". Sie forderte recht humorvoll das Publikum zum Mitsingen auf, was nicht immer gelang, bestand es doch zu einem großen Teil aus Melomanen, die sonst auch im Klassikkonzert sitzen. Aber auch solche, die noch nie in diesem Klassiksaal waren, befanden sich darunter.

Natürlich musste das Repertoire des Abends Lücken lassen. Die allergrößten Hits wie die bereits erwähnten oder auch "Heartbreaker", "Do You Know The Way To San José" oder "I Say A Little Prayer" blieben aber nicht aus.

Schon nach "I'll Never Love This Way Again" erhob sich das Publikum, um es dann nach dem letzten Titel "That's What Friends Are For" in Geschlossenheit erneut zu tun. Die geforderte Zugabe gab es nicht, aber welch ein gelungener Abschluss eines rundum gelungenen Konzertabends!

Samstag, 10. September 2011

Kasarova in Moskau

Vesselina Kasarovas Besuch in Moskau

Als deutscher Vesselina-Kasarova-Fan wird man regelrecht verwöhnt. Zwischen Berlin und München, Hannover und Wien, Zürich und Dresden hat man viele Möglichkeiten, einen Hauch des zeitlosen Gesangs dieser Künstlerin zu verspüren. Die russischen Fans haben es da viel schwerer. Jetzt stattete die Mezzosopranistin dem Land Tschaikowskys und Mussorgskis einen lange ersehnten Besuch ab – samt Konzert. Im Vorfeld durfte ein Fan sie aber mit der Kamera bei den Proben und bei Stadtrundgängen begleiten. Und wir sehen sie als normale Frau in Jeans. So normal dann doch nicht. Dieser Intellekt und – nicht zu vergessen – diese Stimme sind keine Allerweltseigenschaften.

Probe: Arie der Jeanne D'Arc (Tschaikowsky: "Orleanskaja dewa")

Was wir auch erleben, ist eine fast perfekt Russisch sprechende Künstlerin, deren Verbitterung man über die Zustände in der heutigen (Klassik-)Welt anmerken kann, aber nie die Unlust an der Kunst. Ihr Respekt vor der Musik ist immer wieder beeindruckend. Diesen fordert sie auch in Moskau immer wieder ein, genauso wie sie sich zum Slawentum bekennt. Ein interessanter Umstand, da sie es nach eigener früherer Aussage am Anfang ihrer Karriere ganz bewusst gemieden hat, slawisches Repertoire zu singen, um der "rassistischen" Kategorisierung nach Ethnie zu entkommen.

Dokumentation

Sie hatte es auch gar nicht nötig. Mit diesem Kunstverständnis und diesem Gesang, denen wir auch in diesen Aufnahmen begegnen, müssen Weltkarrieren gemacht werden. Überhaupt ist hier die Künstlerin in einer so guten stimmlichen Verfassung wie lange (nach Krankheit) nicht mehr zu hören.


Probe: "Eccomi al fine in Babilonia" (Rossini: "Semiramide")

Bei allem Talent und Erfolg ist es immer wieder erstaunlich, wie bescheiden und schüchtern Vesselina Kasarova geblieben ist. Immer noch diese leise, aber bestimmte Stimme, die Russisch und Deutsch spricht, als ob Heine und Puschkin aus ihr sprächen. Wer diese Sprachen hasst, wird sie aus ihrem Mund lieben. Nur einmal wird sie trotzig, als sie über ihre Dalila in Berlin spricht. Dort wurde sie (nach nicht vollständig auskurierter Lungenentzündung) beim Schlussapplaus ausgebuht. Das Berliner Publikum buhe doch alle aus, beruhigt sie sich und den Fan. Aber beruhigend ist es eigentlich nicht, ist es doch genau diese Mentalität, die die Sängerin immer wieder anprangert. Es bleibt meist ein einsamer Ruf ohne Nachhall.

Probe: "Mon cœur s'ouvre à ta voix" (Saint-Saëns: "Samson et Dalila")

Dank Internet und weltweiter Vernetzung der Fangemeinschaften ist es möglich, dass wir solche unschätzbaren Dokumente genießen dürfen. So schlecht ist es also heute doch nicht um die ernste Kunst bestellt.

Vor und nach dem Konzert am 9. September 2011 im Tschaikowsky-Konzerthaus

Das Moskauer Konzert in einer Fan-Aufnahme

Samstag, 6. August 2011

Drei Tenöre und eine Sopranistin

Juan Diego Flórez, Jonas Kaufmann, Pavol Breslik und Diana Damrau in München im Juli 2011

Zum Abschluss der aktuellen Konzert- und Opernsaison noch ein Rückblick auf drei Liederabende und ein Rezital. Den Anfang machte Juan Diego Flórez mit einem großen Arienabend im Gasteig am 5. Juli. Ohne Frage einer der bekanntesten, beliebtesten und auch nach diesem Abend besten Tenöre der Welt. Er trifft die Töne, nimmt den Zuhörer mit einem schönen Klang ein, er geht aber nie darüber hinaus. Alles ist technisch untadelig, aber nie tief. Wenn er Tonios große Arie aus "La Fille du régiment" (Gaetano Donizetti) – wenn auch als Zugabe – ohne Rezitativ singt, raubt er damit der Musik den wahren Kern. Musik verkommt bei ihm ausschließlich zum Opium fürs Volk. Sein Ausstrahlung – in jeglicher Hinsicht – bleibt ausschließlich Eros. Nicht genug, um im Gedächtnis zu bleiben, aber auch nicht genug, um dem Konzert das hohe künstlerische Niveau abzusprechen. Die Begleitung erfolgte durch das Württembergische Kammerorchester.

Am 26. Juli folgte im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 2011 im Nationaltehater ein Liederabend eines weiteren in den Medien und vom Publikum umjubelten Tenors. Auch hier war der Fall ähnlich gelagert wie beim peruanischen Starsänger – mit einer Ausnahme: Flórez ist in seinem Fach perfekt aufgehoben, Konkurrenz ist rar gesät. Dem Münchner Tenor hingegen fehlt ein überzeugender Zugang zum Lied und etwas, das ihn von anderen, besseren Liedsängern positiv abhebt. Es ist – vielleicht noch – nicht sein Bereich. Er fasst die mitunter sehr filigranen Werke mit den stacheligen Handschuhen eines Heldentenors an. Zu dramatisch, grobkörnig wird bei ihm dadurch das ein oder andere Kleinod von Strauss, Liszt oder Mahler. Überraschenderweise gelingen ihm die Mélodies von Duparc weitaus idiomatischer. Hier nimmt er auch mich ein, am Rest des Abends beklatschte ich eine guten Sänger, aber keinen guten Liedinterpreten.

Photo: © Tanja Niemann/www.diana-damrau.com

Am Tag darauf konnte eine der führenden Koloratursopranistinnen unserer Zeit im Herkulessaal den zwei Tenören zeigen, wie scheinbar mühelos eine ausgefeilte Technik und ausgereifte Textdeutung kombiniert werden können. Ihr Programm überschnitt sich bei einigen Liszt-Liedern mit dem von Kaufmann und überzeugte nicht nur im Vergleich. Beeindrucken konnte sie aber vor allem mit ihrer Interpretation von Rachmaninow-Liedern. Ein gelungener Liederabend. Diese Sängerin hat immer noch nicht ihr volles Potential ausgeschöpft.

Als Vierter im Bunde gesellte sich am 28. Juli im Prinzregententheater ein vielversprechender junger Tenor hinzu. Pavol Breslik, der mittlerweile an vielen großen Bühnen Europas brillieren darf, konnte zeigen, dass in ihm ein guter Liedsänger gedeiht. Noch fehlte seiner "Dichterliebe" (Robert Schumann) die Finesse, die prägnant männliche Sentimentalität, aber er singt mit vollem Herzen und aus voller Überzeugung, mit einem virilen Stimmklang, dem beide Geschlechter kaum widerstehen können. Es ist Größeres zu erwarten.

Sonntag, 3. Juli 2011

Vier Minuten

Vesselina Kasarova mit der Kammerphilharmonie Amadé unter Frieder Obstfeld im Erholungshaus Leverkusen am 11. Juni 2011

Manchmal nehmen die Kritiker sich und die Kunst zu ernst, vor allem aber sich. Gute Kunst ist nicht, wenn sie dem Schreiberling gefällt, der das Konzert meist voreilig und desinteressiert verlässt und im dunklen Kämmerlein oder mit dem Laptop auf den Knien verreißt, sondern wenn sie das tut, was sie tun muss: die Menschen bewegen, die Menschen unterhalten, die Menschen für sich einnehmen. Eine, die ganz besonders Kritikerzunft und Fanscharen spaltet, ist Vesselina Kasarova.

Am 11. Juni konnte sie in der Bayer-Stadt (und im Rahmen des Kulturangebots des Pharma-Giganten) die anwesenen Musikliebhaber für sich begeistern. Durch ihren Stimmklang, durch ihre kluge, aber nicht verkopfte Interpretation und durch das, was sie von vielen anderen Kollegen unterscheidet, ihre ehrliche Menschlichkeit. Mein schönstes und eindringlichstes Kasarova-Erlebnis bisher.

Es bedarf gar nicht vieler Worte. Von Mozart über Händel bis Gluck ließ sie das Publikum musikalisch reisen. Nach einem fast vier Minuten andauernden Applaus, über den man im kultivierten Fußballstadion nicht überrascht wäre (inklusive rhythmischem Klatschen, höre oben), wollte das Publikum am Ende Georg Friedrich Händels "Scherza infida" noch einmal hören. Dies kam der Sängerin entgegen, ist es doch auch ihre Lieblingsarie. Weil sie so menschlich ist. Diese Menschlichkeit fehle heute. So die Mezzosopranistin. Ihr fehlt sie nicht.

Sonntag, 29. Mai 2011

Balkan, Balkan, Balkan ...

Goran Bregović Wedding & Funeral Band in der TonHalle in München am 29. Mai 2011

Hierzulande hat das Volkstümliche einen ganz und gar negativen Beigeschmack. Mancher versucht es mit dem Nationalsozialismus oder der Klassik-Tradition erklären, ganz nachvollziehbar sind beide Thesen nicht. In anderen Ländern ist dies nicht so. Traditionelle Melodien, Musizierweisen und Instrumente haben dort noch ihren Platz. Der Balkan ist dafür ein perfektes Beispiel, Goran Bregović der Großmeister dieser Sparte. Am vergangenen Samstag war er samt Band in München zu erleben.

Wie es aussah, war die ganze serbische und ex-jugoslawische Diaspora Oberbayerns in der TonHalle der Kultfarbik versammelt. Die Stimmung, auch dank des großzügigen Bierausschanks, war am Brodeln. Aber Alkohol war hier erlaubt, schließlich heißt auch Bregović' aktuelles Album "Alcohol" und diese Musik ist eine Gute-Laune- oder eine Sentimental-Musik, jedenfalls aber keine feinsinnige Grübelmusik.

Für gute Laune und manches herzzerreißende Schluchzen sorgte alsdann der Komponist und Musiker auch. Dazu trug sicher ebenfalls bei, dass die meisten Anwesenden das Werk des Künstlers in- und auswendig kannten. Mitsingen, Mitklatschen aber vor allem auch Mittanzen waren selbstverständlich. Bregović vereinte Jung und Alt zu einem Fest der guten Laune. Das Element "Funeral" (Begräbnis), das im Namen seiner Truppe enthalten ist, kam dabei zu kurz, zumindest kam nie Trauerstimmung auf.

Alle seine großen Erfolge kamen beim Konzert in der ehemaligen Halle zum Gehör. Am bekanntest für nicht-serbische Hörer dürfte dabei "Ovo je Balkan" (Das ist der Balkan) sein. Mit dem Lied aus der Feder von Goran Bregović trat Milan Stanković vergangenes Jahr beim Eurovision Song Contest in Oslo an, erfüllte leider nicht die berechtigten Hoffnungen, das Lied ist jedoch zu einem Klassiker geworden.

Das wunderschöne "Ruzica si bila" (Du warst eine Rose) brachte das Publikum zum Schwelgen. Dem Applaus nach zu urteilen, war es eines der beliebtesten Lieder an diesem Abend. Es waren ihrer aber zu viele, um alle zu nennen.

Nicht übergangen werden darf die fantastische Band des Meisters. Vor allem dem Hauptsänger, Schlagzeuger und Akkordeonist gebührt Respekt für sein Durchhaltevermögen und die mehr als ordentliche Leistung.

Nach dem gut zweistündigen Konzert konnte man, ob Serbe oder nicht, nach Hause gehen, und sich sicher sein, dass Musik schön, volksliedhaft, fröhlich und musikalisch hochwertig zugleich sein kann. "Balkan, Balkan, Balkan, ovo je Balkan, come on."

Sonntag, 22. Mai 2011

Mission: dramatisch

"Samson et Dalila" von Camille Saint-Saëns in der Deutschen Oper Berlin am 21. Mai 2011

Ein dramatischer Mezzosopran. Dafür ist die Rolle der Dalila ausgelegt (wahlweise Alt). Starsängerin Vesselina Kasarova versucht seit längerem, sich in dieses Metier hineinzufinden. Auf Tonkoserve ist ihr das über die Jahre, vor allem in besagter Rolle, vorzüglich gelungen. Nun stand sie aber in Berlin nach längerer Krankheit leibhaftig auf der Bühne, um sich in diesem Fach zu beweisen.

Sie hat es geschafft. Sie hat dieser Oper, in der die Mezzosopranistin allein drei große Arien zu erklimmen hat, den Kasarova-Stempel aufgedrückt. Es sei nicht verschwiegen, dass technisch gesehen so manches uneben, unausgeglichen war. Eine gewisse stimmliche Degradation ist bei der Sängerin schon seit Jahren zu beobachten, hinzu kam die überstandene Lungenentzündung, die so manche Stimmbandfaser gekostet haben könnte. Nichtsdestoweniger war unverkennbar, wie sehr jedes Werk, das der Sängerin prinzipiell liegt von ihrer Präsenz profitiert. Die sonst so bescheidene und schüchterne Frau, wie man beim Entgegennehmen des Applauses, das gar nicht divenhaft war, merkte, blüht auf, nimmt Besitz von der Bühne und lässt ihre Stimmpracht über die Zuschauer schallen. Ja, es war eine vollkommene Dalila, nicht für den auf Perfektion versessenen Opernenthusiasten, sondern für den, als der ich da war, dem Authentizität und Ausdruck genügen, wenn die Stimme per se eine Premium-Qualität besitzt. Ein vorzüglicher Abend.

Aber halt, da war ja noch was. Samson zum Beispiel. Der war an dem Abend mit José Cura besetzt, der im ersten Akt schwach anfing, sich aber stetig verbesserte. Eine solide Darstellung, wenn man auch optisch und akustisch mitunter an den älteren Plécido Domingo erinnert wurde.

Das Beste und im Grunde einzig Richtige, das man über die Inszenierung sagen kann, ist, dass sie optisch ein Blickfang war. Inhaltlich war es wenig nachvollziehbar, warum die Handlung in die Zeit der Entstehung des Werkes verlegt wurde, auch wenn es der Regisseur im Vorfeld zu erklären versuchte damit, dass hierdurch die Umstände bei der Komposition beleuchtet werden sollten. Wieso der dritte Akt dann eine Karikatur einer solchen Absicht wurde, ist damit jedoch nicht geklärt.

Sei's drum. Es ist ein alles in allem gelungener Opernabend gewesen. Am 2. und 5. Juni 2011 gibt es weitere Vorstellungen (am 5. mit Malgorzata Walewska als Dalila) in der Deutschen Oper Berlin.

"Mon cœur s'ouvre à ta voix" (Arie der Dalila)

Sonntag, 15. Mai 2011

Deutschland hat gewonnen

Eurovision Song Contest 2011 in der Düsseldorfer Arena am 14. Mai 2011

Aserbaidschan ist es geworden. Kein Überraschungssieger, aber einer, der ganz und gar nicht sicher war. An dem Abend konnte so gut wie jeder den Titel holen. Ein Bericht von einem, der dabei war.

Ein Ereignis gewinnt desto mehr an Reiz, je seltener es stattfindet. Nun findet der musikalische Grand Prix jedes Jahr statt, aber im eigenen Land, Deutschland, schon seit 1983 nicht mehr. Deshalb war es ein Ereignis, dass man im Leben so oft nicht hat. Für manche vielleicht sogar nie wieder kommt.

Als Einführung zur Show diente am Samstagabend ein Spaziergang durch die Düsseldorfer Altstadt. Eine bunte Mischung verschiedener Fans. Besonders auffällig waren die irischen Vertreter mit Pappfrisuren in Anlehnung an die Zwillinge John und Edward, die dieses Jahr den Inselstaat vertraten. Aber ganz auffällig und zahlreich waren die Briten anwesend – oft verkleidet in ganz schrägen Kostümen.

Die Show selbst war lang erwartet, Monate vorher und auch am Samstag zog sich die Zeit dahin. Als es aber losging wurde man Zeuge einer spektakulären Show. In der ausverkauften riesigen Esprit-Arena in Düsseldorf war die Stimmung heiß, ebenso wie die Temperatur. Niemand hat mit so einem Auftakt gerechnet, wie ihn dann Stefan Raab präsentierte. Eine atemberaubende Bühnenshow und effektvolle Inszenierung. Raab war ein einfallsreicher Gastgeber, wenn auch Anke Engelke die herausragende Gestalterin des Abends war. Eine bessere Wahl konnte Raab nicht treffen.

Musikalisch war der Abend so hochwertig wie nie, die Sänger so gut wie nie. Vielleicht mag das am Live-Erlebnis liegen, aber auch schon beim Anhören im Vorfeld ist mir dies aufgefallen.

Musikalisch herausstechend war vor allem der Italiener mit einer beschwingten Nummer, die einen Hauch von New York versprühte. Raphael Gualazzi sicherte sich verdientermaßen, nicht aber ohne einen gewissen Willkommensbonus für sein Land, mit "Madness of Love" den zweiten Platz. Ganz besonders gut kam die Ungarin Kati Wolf mit ihrem Titel "What About My Dreams" bei den Zuschauern vor Ort an. Angesichts der Stimmgewalt der Sängerin und dem Mittanz- und Mitsingfaktor des Lieds tobte das Publikum. Die Fernsehzuschauer blieben aber kühl und riefen für sie nicht an. Platz 22 von 25. Schreiende Ungerechtigkeit, aber nicht das erste Mal in der Geschichte des Wettbewerbs. (Man denke nur an die katastrophale Platzierung Joy Flemings 1975.)

Nur noch Blue und Lena Meyer-Landrut kamen in der Halle so gut an. Die britische Band feierte ihre Rückkehr ins Pop-Geschäft mit "I Can", legte einen guten Auftritt hin, es reichte letztlich aber nur für Platz 11. Einen Platz davor konnte sich Lena mit der etwas eckigen Nummer "Taken By A Stranger" einordnen. Eine gute Position für eine überaus gelungene Darbietung.

Es gab auch viele andere gute Auftritte im Verlauf des Abends. Ausreißer nach unten gab es eigentlich nicht. Nur die griechische Nummer befremdete, sicherte sich aber einen stolzen siebten Platz. Durchgängig war die Stimmung in der Arena sehr gut. Der für die meisten spannendste und jedenfalls entscheidende Teil war dann letztlich die Punktevergabe. Diese war in großen Teilen überraschend. Es gewann, wie mittlerweile jedem bekannt ist, Aserbaidschan, das aber nicht aus heiterem Himmel, wie man andernorts hören und lesen konnte. Die Nummer ist eingängig, stört nicht, geht den musikalischen Mittelweg, kommt aus einem Land mit vielen guten Nachbarn und Freundesstaaten und wurde von zwei sympathischen, aber nicht besonders guten Sängern vorgetragen.

Baku 2012 wird spannend, da die Austragung erstmals in einem asiatischen Land mit muslimischer Prägung stattfindet. Am Umgang mit Armenien, mit denen das Land im Konflikt um Bergkarabach steht, wird man die Reife des Landes erkennen. Immer wieder wird die politische Neutralität des Wettbewerbs betont, er kann es aber gar nicht sein. Auch Musik findet nicht im politikleeren Raum statt. Und wenn ein Lied wie "I Love Belarus" ("Ich liebe Weißrussland"), eine klare Propagandaaktion des fürchterlichen weißrussischen Regimes von Alexander Lukaschenko, teilnehmen darf, hat es sich damit sowieso erledigt.

Das Fazit bleibt: Düsseldorf war aufgrund Größe und Lage der ideale Austragungsort des 2011er Eurovision Song Contest. Deutschland war ein perfekter und gut organisierter Gastgeber. Auch technisch war alles überwiegend erstklassig. Der Klang in der Arena war sehr gut, die visuelle Umsetzung perfekt. Die Stimmung in Land, Stadt und Halle konnte kaum besser sein. Deutschland kann nur daran interessiert sein, den Wettbewerb wieder ins eigene Land zu holen, zum Wohle des eigenen musikinteressierten Volkes, aber auch zur Bewerbung dieses wunderschönen Landes.