Eurovision Song Contest 2011 in der Düsseldorfer Arena am 14. Mai 2011
Aserbaidschan ist es geworden. Kein Überraschungssieger, aber einer, der ganz und gar nicht sicher war. An dem Abend konnte so gut wie jeder den Titel holen. Ein Bericht von einem, der dabei war.

Ein Ereignis gewinnt desto mehr an Reiz, je seltener es stattfindet. Nun findet der musikalische Grand Prix jedes Jahr statt, aber im eigenen Land, Deutschland, schon seit 1983 nicht mehr. Deshalb war es ein Ereignis, dass man im Leben so oft nicht hat. Für manche vielleicht sogar nie wieder kommt.
Als Einführung zur Show diente am Samstagabend ein Spaziergang durch die Düsseldorfer Altstadt. Eine bunte Mischung verschiedener Fans. Besonders auffällig waren die irischen Vertreter mit Pappfrisuren in Anlehnung an die Zwillinge John und Edward, die dieses Jahr den Inselstaat vertraten. Aber ganz auffällig und zahlreich waren die Briten anwesend – oft verkleidet in ganz schrägen Kostümen.
Die Show selbst war lang erwartet, Monate vorher und auch am Samstag zog sich die Zeit dahin. Als es aber losging wurde man Zeuge einer spektakulären Show. In der ausverkauften riesigen Esprit-Arena in Düsseldorf war die Stimmung heiß, ebenso wie die Temperatur. Niemand hat mit so einem Auftakt gerechnet, wie ihn dann Stefan Raab präsentierte. Eine atemberaubende Bühnenshow und effektvolle Inszenierung. Raab war ein einfallsreicher Gastgeber, wenn auch Anke Engelke die herausragende Gestalterin des Abends war. Eine bessere Wahl konnte Raab nicht treffen.
Musikalisch war der Abend so hochwertig wie nie, die Sänger so gut wie nie. Vielleicht mag das am Live-Erlebnis liegen, aber auch schon beim Anhören im Vorfeld ist mir dies aufgefallen.
Musikalisch herausstechend war vor allem der Italiener mit einer beschwingten Nummer, die einen Hauch von New York versprühte. Raphael Gualazzi sicherte sich verdientermaßen, nicht aber ohne einen gewissen Willkommensbonus für sein Land, mit "Madness of Love" den zweiten Platz. Ganz besonders gut kam die Ungarin Kati Wolf mit ihrem Titel "What About My Dreams" bei den Zuschauern vor Ort an. Angesichts der Stimmgewalt der Sängerin und dem Mittanz- und Mitsingfaktor des Lieds tobte das Publikum. Die Fernsehzuschauer blieben aber kühl und riefen für sie nicht an. Platz 22 von 25. Schreiende Ungerechtigkeit, aber nicht das erste Mal in der Geschichte des Wettbewerbs. (Man denke nur an die katastrophale Platzierung Joy Flemings 1975.)
Nur noch Blue und Lena Meyer-Landrut kamen in der Halle so gut an. Die britische Band feierte ihre Rückkehr ins Pop-Geschäft mit "I Can", legte einen guten Auftritt hin, es reichte letztlich aber nur für Platz 11. Einen Platz davor konnte sich Lena mit der etwas eckigen Nummer "Taken By A Stranger" einordnen. Eine gute Position für eine überaus gelungene Darbietung.

Es gab auch viele andere gute Auftritte im Verlauf des Abends. Ausreißer nach unten gab es eigentlich nicht. Nur die griechische Nummer befremdete, sicherte sich aber einen stolzen siebten Platz. Durchgängig war die Stimmung in der Arena sehr gut. Der für die meisten spannendste und jedenfalls entscheidende Teil war dann letztlich die Punktevergabe. Diese war in großen Teilen überraschend. Es gewann, wie mittlerweile jedem bekannt ist, Aserbaidschan, das aber nicht aus heiterem Himmel, wie man andernorts hören und lesen konnte. Die Nummer ist eingängig, stört nicht, geht den musikalischen Mittelweg, kommt aus einem Land mit vielen guten Nachbarn und Freundesstaaten und wurde von zwei sympathischen, aber nicht besonders guten Sängern vorgetragen.
Baku 2012 wird spannend, da die Austragung erstmals in einem asiatischen Land mit muslimischer Prägung stattfindet. Am Umgang mit Armenien, mit denen das Land im Konflikt um Bergkarabach steht, wird man die Reife des Landes erkennen. Immer wieder wird die politische Neutralität des Wettbewerbs betont, er kann es aber gar nicht sein. Auch Musik findet nicht im politikleeren Raum statt. Und wenn ein Lied wie "I Love Belarus" ("Ich liebe Weißrussland"), eine klare Propagandaaktion des fürchterlichen weißrussischen Regimes von Alexander Lukaschenko, teilnehmen darf, hat es sich damit sowieso erledigt.
Das Fazit bleibt: Düsseldorf war aufgrund Größe und Lage der ideale Austragungsort des 2011er Eurovision Song Contest. Deutschland war ein perfekter und gut organisierter Gastgeber. Auch technisch war alles überwiegend erstklassig. Der Klang in der Arena war sehr gut, die visuelle Umsetzung perfekt. Die Stimmung in Land, Stadt und Halle konnte kaum besser sein. Deutschland kann nur daran interessiert sein, den Wettbewerb wieder ins eigene Land zu holen, zum Wohle des eigenen musikinteressierten Volkes, aber auch zur Bewerbung dieses wunderschönen Landes.